Die Fakten klingen abenteuerlich: Ein 21-jähriger Wirtschaftsstudent – auf dem besten Weg zu einer glänzenden Karriere – absolviert ein siebenwöchiges Praktikum bei der Bank of America Merrill Lynch und wird plötzlich tot in seiner Studentenwohnung aufgefunden.
Der Praktikant aus Deutschland, Moritz Ehardt, soll: „innerhalb von zwei Wochen acht Mal mehr oder weniger durchgearbeitet haben, also 24 Stunden, fast ohne Erholungspause. Manche Kollegen behaupten, die letzten drei Tage vor seinem Tod habe er dann fast gar nicht mehr geschlafen.“, schreibt ARD online: http://www.tagesschau.de/wirtschaft/banker112.html?r=&lid=266721&pm_ln=20
Weil er nur noch arbeitete, arbeitete und arbeitete – um seinem Vorgesetzten zu gefallen, heisst es. Um womöglich ein Arbeitsangebot zu bekommen.
Und bei ARD heißt es weiter: `Lange Arbeitszeiten gehören zum Gewerbe, sagt die frühere Investmentbankerin Sam Washington: „Die Arbeitswoche betrug 75 Stunden, manchmal bis zu 100 Stunden – zehn Prozent davon verbrachte ich heulend im Klo…“´
Es ist erschreckend, was man bei der Gelegenheit ganz beiläufig erfährt. Wie jungen Leuten die eventuelle Aussicht auf einen Job wie einem Esel die Möhre hingehalten wird. Auch wenn sie gut ausgebildet sind und ein ordentlicher Job doch keine Gnade wäre.
Warum greift keiner ein?
Erschreckend, wie niemand bemerkt, wenn diese Youngsters der fixen Idee ihre Gesundheit opfern. Wie sich niemand verantwortlich fühlt für so junge Menschen, die offensichtlich die Situation nicht mehr im Griff haben. Dass niemand eingreift und so einen jungen Menschen schützt – zur Not vor dem eigenen Ehrgeiz.
Verantwortungsbewusstsein Fehlanzeige?
Und das alles bei einer renommierten Bank – nicht bei einer fragwürdigen Adresse. Einer Organisation mit lauter Menschen, die man kaum als Dummbatzen einordnen kann. Im Gegenteil. Und unter deren Augen dieser Vorfall, die hoffnungslose Überarbeitung, geschehen ist. Nur um ihr Verantwortungsbewusstsein scheint es nicht wirklich gut bestellt zu sein. Vor allem das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen. Des Vorgesetzten, der den jungen Mann unter seinen Fittichen hatte. Dem es nicht auffiel, dass der junge Mann sich mehr wie ein Sklave und weniger als Praktikant verhielt.
Warum nur? Weil Praktikanten ohnehin Dutzendware sind?
Weil sogenannte „all-nighters“ in London schon normal sind: die bis zum frühen Morgen im Büro bleiben. Die laut „Welt“ gar nicht erst zu Hause schlafen, die stattdessen irgendwann mit dem Taxi nach Hause fahren, es auf der Strasse warten lassen und während es auf der Strasse wartet, sich duschen, umziehen und wieder losdüsen zur Company. Oder eher Bank. http://www.welt.de/wirtschaft/article119243018/24-Stunden-Schichten-der-Praktikanten-in-London.html
Welche Vorgesetzen lassen das alles zu?
Da stellt sich doch die Frage, wer so etwas zulässt? Welcher Vorgesetzte? Welcher Personalchef? Wie es um die Fürsorgepflicht bestellt ist – auch wenn es London ist? Ob es niemanden auffällt, wenn ein junger, unerfahrener Mann sich so etwas antut im Karrierewahn? Ob sich niemand verpflichtet fühlt, einzugreifen? Anderen, Verantwortlichen einen Hinweis zu geben?
Gibt es in Großbritannien kein Arbeitszeitgesetz?
Ob er nachts zuhause durchgearbeitet hat oder womöglich in der Bank – und ihn dort kein Wachmann entdeckt hat und misstrauisch wurde?
Oder gibt es in Großbritannien nicht so etwas wie ein Arbeitszeitgesetz?
http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitszeitgesetz
http://www.badische-zeitung.de/suedwest-1/student-aus-staufen-tot-in-londoner-wohnheim-entdeckt–74539501.htmlikant-moritz-_aid_1077056.html
Die Zeiten des fürsorglichen Firmenpatriarchen sind längst vorbei, wobei es noch einige Ausnahmen gibt. Heute sind Angestellte und Arbeiter, gleich welchen Niveaus, Teil des produktiven Prozesses. Das gilt auch für Akademiker; früher hatten sie eine herausgehobene Stellung, heute zählen auch sie zum Kostenfaktor Personal, der unter Rentabilitätsbeobachtung steht. Man sieht dies ganz besonders deutlich in Ländern, in denen bisher die Hierarchien in den Unternehmen besonders traditionell und starr waren. Im Bankenwesen ist der Druck allgemein sehr hoch; man erwartet vom Angestellten, dass er „von Kopf bis Fuss auf Profit eigestellt“ ist. Leute, die nicht fähig sind, Grenzen zu ziehen, nicht auf Alarmsignale ihres Organismus hören, ungesund leben, sind in beständiger Gefahr. Denn massiver Stress „arbeitet“ im Unbewussten 24 Stunden lang, es lässt dem Individuum keine Pause.
Ich nehme mal an das Frau Toedtmann mit Sicherheit nicht selbst in London gelebt und gearbeitet hat, sonst wuesste sie, das das hier voellig normal ist.
Schlimm fuer Moritz Ehardt und seine Familie.
Ist aber letztendlich nur collateral damage der morgen schon keinen mehr interessiert.
Das Interesse am Mitmenschen ist im Sinkflug. Wir scheinen zu vergessen dass nicht die materielle Absicherung sondern das Leben in einer sozialen Gemeinschaft die Entstehung der Menschheit auslöste.