Buchauszug: Lars Winkelsdorf, Thomas Eckert: „Tot oder lebendig. Das skandalöse Geschäft mit dem Notruf“

Lars Winkelsdorf, Thomas Eckert: „Tot oder lebendig. Das skandalöse Geschäft mit dem Notruf.“ 224 Seiten, Westend Verlag, 18,– Euro https://www.westendverlag.de/buch/tod-oder-lebendig-das-skandaloese-geschaeft-mit-dem-notruf/
Das Geschäft mit dem Notruf
Falsche gesetzgeberische Weichenstellungen, Konkurrenz der Hilfsorganisationen, psychische Probleme des Personals und überfüllte Notaufnahmen in den Krankenhäusern: Das deutsche Rettungswesen steckt in einer schweren Krise und die Politik schaut weg und vertuscht. Ist man verletzt oder bedrohlich erkrankt, ruft man die 112, und schon kommen die Retter – so sollte es sein. Doch tatsächlich geht es nicht mehr um den einzelnen Menschen, sondern ums Geld. Die Folge sind lange Wartezeiten auf Retter sowie fehlendes Material in den Fahrzeugen oder übermüdete Helfer. Die Politik versucht dies bisher zu vertuschen, denn in einigen Bundesländern müssen tausende Menschen unnötig sterben.
Das Rettungswesen steckt in einer Krise, die endlich diskutiert werden muss, fordern Lars Winkelsdorf und Thomas Eckert in ihrem Buch „Tot oder lebendig“. Ein Buchauszug.
Die bereits heute in der Notfallversorgung der Bevölkerung bestehenden Defizite sind überwiegend Ergebnis einer Politik, die es über Jahre versäumt hat, angemessen auf stattfindende Entwicklungen zu reagieren und die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen. Berücksichtigt man, dass allein zur Entwicklung des Notfallsanitätergesetzes mehr als ein Jahrzehnt notwendig war, wird offensichtlich, dass nahezu alle bisherigen Lösungsansätze überwiegend auf die Vergangenheit gerichtet sind und zukünftige Problemstellungen noch gar nicht in dem erforderlichen Ausmaß berücksichtigen.
Steigenden Einsatzzahlen der vergangenen Jahre stehen inzwischen Landkreise gegenüber, in denen kaum noch der für die Notfallrettung erforderliche Nachwuchs an Personal gewonnen werden kann, zudem ist der Krankenstand bei einzelnen Behörden und Hilfsorganisationen so hoch wie nie zuvor. Bundesweit stiegen die Einsatzzahlen zwischen 1992 und 2013 nach einer Analyse der Bundesanstalt für Straßenwesen um 32,9 Prozent, sodass hier ein Trend zu einer zunehmenden Einsatzhäufigkeit besteht bei gleichzeitiger Entwicklung von Personalengpässen, folglich bereits der Ist-Zustand nur noch schwer aufrechtzuerhalten sein kann.1
Verschärft wird dies durch Entwicklungen, auf die als äußere Faktoren seitens der Rettungsdienste keinerlei Einfluss genommen werden kann, allen voran der demografische Wandel in unserer Gesellschaft, der bereits in wenigen Jahren entscheidende Auswirkungen auf die Notfallversorgung der Bevölkerung haben wird. Seit 1972 liegt die Sterberate in Deutschland entscheidend höher als die Geburtenrate und zunehmende Leistungsfähigkeit der modernen Medizin, auch der Notfallmedizin, trägt dazu bei, dass der Anteil älterer Menschen in der Gesellschaft stetig wächst.2
Die Lebenserwartung bei Männern hat sich so beispielsweise von ursprünglich 45 Jahren auf über 77 Jahre verbessert, womit selbstverständlich auch ein entsprechend gestiegener Bedarf an medizinischer Versorgung einhergeht. Gleichzeitig trägt die sinkende Geburtenrate dazu bei, dass der Personalpool, aus dem diese Versorgungskapazität wird geschöpft werden können, absehbar immer geringer wird. Kurz: Für die kommenden Jahre ist mit einem erheblich steigenden Bedarf an rettungsdienstlichen Einsätzen zu rechnen und gleichzeitig mit immer weniger Fähigkeiten, diesen Bedarf decken zu können.

Autor Lars Winkelsdorf (Foto: Westend)
Hat Hamburg im Juni 2019 feststellen müssen, dass in lediglich knapp 62 Prozent statt der vorgegebenen 90 Prozent der Einsätze die geforderte Hilfsfrist von acht Minuten eingehalten werden konnte, wird dies unvermeidbar durch gravierende Verschärfungen des Einsatzaufkommens und damit einer Bindung von Rettungsmitteln schon in wenigen Jahren als die »gute, alte Zeit« bezeichnet werden müssen.3 Kommt dann in knapp der Hälfte der Fälle das Rettungsmittel zu spät, wird dies Fragen aufwerfen, ob die bestehenden Hilfsfristen überhaupt noch eingehalten werden können. Dass dies politische Diskussionen mit sich bringen wird, an deren Ende also eine Verschlechterung der Versorgung der Bevölkerung stehen wird, ist deutlich zu befürchten – unabhängig davon, mit welch vollmundigen Versprechungen man versuchen wird, dies dem Wähler noch halbwegs plausibel verkaufen zu können.
Dabei allerdings muss man auch berücksichtigen, dass solche Defizite in einer Verschlechterung der Ergebnisse ihren Widerhall finden werden müssen und somit ein Teufelskreis in Gang gesetzt werden wird, der die Zahl pflegebedürftiger Patienten denklogisch massiv vergrößern wird: Wem bei einem Schlaganfall nicht mehr rechtzeitig geholfen werden konnte, wird wegen der dadurch eingetretenen Hirnschäden auf Hilfe angewiesen sein und aufgrund der damit einhergehenden Folgeschäden dann zusätzliche Einsätze der Notfallretter deutlich wahrscheinlicher werden lassen. Es ist, wenn man so will, eine für Krankenkassen und Gesellschaft kostenintensive Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, allerdings dann ohne die Arbeitskraft.
Eine Studie der Rettungsdienstkooperative in Schleswig-Holstein (RKiSH) aus dem Jahr 2010 beschäftigte sich intensiv mit den Fragestellungen des demografischen Wandels und seiner Bedeutung für die Entwicklungen im Rettungsdienst.4 Begrenzt lediglich auf einen Berichtszeitraum von 15 Jahren zeugt die Studie nicht nur von dramatischen Entwicklungen und der Entstehung von Versorgungslücken, vor allem war sie ausgesprochen treffsicher in ihrer Zukunftsprognose, der die bisherigen Entwicklungen recht geben mussten. Dabei kann die Studie, inhaltlich begrenzt auf das nördlichste Bundesland, durchaus als Blaupause für die drohenden Entwicklungen quer durch die Republik gelten, die Probleme in der Nachwuchsgewinnung, der Kostenentwicklung und schlussendlich der Bevölkerungsentwicklung bestehen überall. Der hochgerechnete Kosten- und Leistungsnachweis (KLN) 2025 weist eindringlich auf bevorstehende Entwicklungen hin:
Zielsetzung der Studie war die Ermittlung des geschätzten Einsatzaufkommens für die Jahre 2015, 2020 und 2025, verbunden mit der Fragestellung, welche Änderungen dies in der Material- und Personalentwicklung für diesen Rettungsdienstbereich in Schleswig-Holstein würde notwendig werden lassen. Mit dazu gehörte die Feststellung der zu erwartenden Kosten in der Notfallrettung und dem Krankentransport insgesamt sowie die vorhersehbaren Entwicklungen durch demografische und strukturelle Entwicklungen.
Bereits eingangs wird eine zu erwartende Abnahme der Bevölkerung im Bundesland um etwa 1,5 Prozent für den Zeitraum bis 2025 festgestellt, der eine Zunahme der Bevölkerungsanteile über 75 Jahren um 55 Prozent gegenüber-stünde. Eben dieser Anteil wird dabei auch für die Zunahme der rettungsdienstlichen Einsätze erwartet, etwa 56 Prozent prognostizieren die Autoren der Studie für den Entwicklungszeitraum bis 2025.5
Einschließlich der Fluktuationen im Personalbereich rechnet die RKiSH nur für ihren eigenen Einsatzbereich daher mit mindestens notwendigen 36 Neueinstellungen per anno. Überträgt man dies auf die Entwicklungen im Bundesgebiet, bedeutet dies jährlich mehr als 3.000 neue Mitarbeiter für die Rettungsdienstorganisationen, die zur Abdeckung des täglichen Bedarfs erforderlich werden würden. Zum Vergleich: Die Berliner Feuerwehr mit einem auf dieser Grundlage errechneten Bedarf von jährlich etwa 150 Notfallsanitätern hat 2014 die ersten Klassen mit 20 Teilnehmern starten lassen. Im Jahr 2018 hatte die Funktionsbesetzung der RTW bereits einen Ausfall von 8,4 Prozent zu beklagen. Bei Fortsetzung dieser Personalpolitik wird sich dieser Ausfall bis 2025 wesentlich vergrößern.6

Autor Thomas Eckert (Foto: Westend)
Die Vorhersehbarkeit eines akut bestehenden Personalmangels und hieraus resultierender Lücken in der staatlichen Daseinsvorsorge hat unlängst für Diskussionen gesorgt. So will beispielsweise das DRK bestehende Engpässe im Personal nunmehr nicht mehr nur für die Pflege mit ausländischen Fachkräften besetzen, sondern ausdrücklich auch im Rettungsdienst. Hierbei verwies der hessische DRK-Präsident Norbert Södler darauf, dass Sprachkenntnisse im Rettungsdienst weniger wichtig seien als in der Pflege.7
Was zwar im Prinzip eine richtige Maßnahme ist zur Nachwuchsgewinnung, die Bedeutung des in der Notfallrettung tätigen Personals aber wieder auf das Niveau der »Krankenwagenfahrer« herabwürdigt und dabei völlig die Lage verkennt, dass gerade durch die zahlreichen Ethnien und Sprachen in unserer Gesellschaft gute Kenntnisse der Sprache wesentlich sind. Oder anders formuliert: Beim Aufziehen einer Spritze auf Wunsch des Notarztes sollte zwischen Tramal und Tramadol sprachlich unterschieden werden können, denn das eine ist ein eher mildes Schmerzmittel, das andere ein hochwirksames Medikament zur Narkose, mit dem in den USA Hinrichtungen vollzogen wurden. Auch für einen kleinen sprachlichen Lapsus ist somit in der Lebenswirklichkeit der Notfallrettung kein Platz, entsprechend werden auch von zahlreichen Hilfsorganisationen umfangreiche Sprachkurse vor Ausbildungen in der Notfallmedizin angeboten – darunter auch das DRK, etwa in Hamburg.
Hinzu kommt eine gerade bei Feuerwehren vorherrschende Tendenz, Rettungsdienst als lästige Zweitverwendung zu betrachten, die vielen Beamten nicht entspricht, sowohl im Selbstbild als auch der Motivation. Wer zur Feuerwehr geht, will löschen und kollidiert dabei dann häufig mit medizinischen Ansprüchen. Was im Grunde auch richtig ist, denn wer dies will, kann sich ohnehin gleich bei einem Rettungsdienst bewerben.
Entsprechend groß sind die Probleme der Feuerwehren, ihre Mitarbeiter ohne Beförderungen oder Anreize beim Gehalt dazu motivieren zu können, die Ausbildung zum Notfallsanitäter freiwillig zu absolvieren. In Hamburg führte dies sogar zu einer regelrechten Rebellion innerhalb der Berufsfeuerwehr gegen die Behördenleitung, die sich ihrerseits mit harten Bandagen diesem Kampf zu stellen versuchte: Der Landesvorsitzende der Deutschen Feuerwehrgewerkschaft (DFeuG), Daniel Dahlke, warf der Behördenleitung im Januar 2019 öffentlich vor, eine Hexenjagd auf Beamte zu betreiben und sie mit Disziplinarverfahren zu überziehen, weil diese sich der Weiterbildung verweigerten.8
Die Feuerwehr bestreitet zwar, dass es in diesem Konflikt zu einer solchen »Hexenjagd« gekommen sei, doch fühlten sich gerade ältere Feuerwehrleute mit dem neuen Berufsbild und der Qualifizierung persönlich überfordert. Bis 2020, so sieht es die Planung der Behörde vor, sollen 1.200 der insgesamt 2.500 Mitarbeiter die Qualifikation zum Notfallsanitäter erhalten haben und somit jeder Rettungswagen mit entsprechend mindestens einem NotSan besetzt sein. Stand im Januar 2019: Lediglich 600 Mitarbeiter haben die Qualifikation oder die Ergänzungsprüfung zum Notfallsanitäter. Unlängst haben von 25 angetretenen Prüflingen gerade mal drei die Prüfung bestanden.9
Ähnlich deutlich wie bei der Personalsituation: Die Studie der RKiSH stellt fest, dass bis 2025 eine Zunahme der Kosten von stolzen 88 Prozent zu erwarten sein wird. Während hierbei die Entgelte für die Notfallrettung zwischen 15 und 75 Prozent je nach Landkreis steigen sollen, können dabei Krankentransporte und Notarzteinsätze sogar auch deutlich billiger angeboten werden.10 Wobei ebenso festgestellt wird, dass der größte Anteil dabei gar nicht den mit nur etwa elf Prozent zu Buche schlagenden Einsätzen selbst zu beziffern sein wird, vielmehr ist die erforderliche Vorhaltung an geeigneten Rettungsmitteln und Personal mit 82 Prozent der entscheidende Kostenfaktor. Mehr Einsätze zu Zeiten hohen Patientenaufkommens erfordern unvermeidbar mehr Rettungswagen und das dafür notwendige Personal.
Eindringlich warnt die Untersuchung allerdings davor, den Zeitraum 2025 als Endpunkt der demografischen Entwicklung zu betrachten, auf den es als Lösung hinzuarbeiten gälte. Das Gegenteil ist der Fall: Die Bevölkerungsentwicklung wird über 2025 als fortgesetzten Trend beschrieben zu weiterer Überalterung und feststellbaren Personalengpässen. Die zwischen 1949 und 1969 geborenen Einwohner sind in den vorliegenden Modellrechnungen im Jahr 2010 zwischen 40 und 60 Jahren alt, auf sie entfallen als Altersklasse jährlich zwischen 40 und 100 Einsätze bezogen auf 1.000 Einwohner jährlich.
2025 sind diese dann bereits als geburtenstarke Jahrgänge geltenden Bürger zwischen 55 und 75 Jahre alt und bedeuten somit bereits ein jährliches Einsatzaufkommen zwischen 60 bis 200 Notfällen pro 1 000 Einwohner. In der Altersklasse zwischen 80 bis 100 Jahren allerdings steigt diese Häufigkeit überproportional auf zwischen 500 und 1.000 Alarmierungen pro 1.000 Einwohner pro Jahr, rein statistisch wird also jeder dieser Altersklasse einmal jährlich als Notfallpatient vom Rettungsdienst versorgt. Dabei gleichen die Notfallbilder sogar die Todesfälle in dieser Patientengruppe mehr als aus: Wer in dem Alter noch lebt, wird deutlich mehr Notfalleinsätze anfordern müssen. Der zu erwartende Scheitelpunkt der Entwicklung wird erst zwischen 2040 und 2050 erreicht werden, erst dann nimmt die Gesamtzahl der Jahrgänge wieder signifikant ab.
Dabei wird auf das hohe Risiko hingewiesen, die Versorgung der Bevölkerung in weniger dicht besiedelten Gebieten kaum noch wirtschaftlich betreiben zu können, wenn sich der bisherige Trend fortsetzen wird.11 Dabei ist die medizinische Versorgung, einschließlich der notfallmedizinischen Fürsorge, ein entscheidender Standortfaktor und wird dazu beitragen, dass bei schwindender Versorgungsdichte eine zunehmende Umsiedelung in Ballungsräume zu befürchten sein wird. Dort also, wo zunehmende Wartezeiten auf Rettung bei einem Notfall zu befürchten sein wird und sogar Notarztstandorte aus finanziellen Gründen nicht mehr betrieben werden können, wird es kaum Anreize für Senioren geben, ihren Lebensabend verbringen zu wollen – und seien die Sonnenuntergänge noch so schön.

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