Der Ruf nach mehr Kontrollen – statt Lösungen

So wird das nie etwas. Kaum läuft etwas so richtig schief, rufen alle nach mehr Kontrollen. Grade so, als würden Kontrollen irgendein Übel an der Wurzel packen können oder gar selbst die Lösung für irgendein Problem darstellen. Mehr Kontrollen, wenn in einem Unternehmen Fleisch umgepackt und umetikettiert wird. Mehr Kontrollen, wenn alte Menschen in Pflegeheimen vernachlässigt werden. Oder jetzt: Mehr Kontrollen, wenn überforderte Eltern den Tod ihrer eigenen Kinder verschulden. Wer das kontrollieren soll, dafür gibt es natürlich auch sofort Ideen: Ärzte etwa, und Jugendämter. So, als ob die nicht schon längst zugedeckt sind mit Arbeit, derer sie ohnehin schon nicht mehr Herr werden. So, als seien sie nicht ausgelastet. Dabei: Ewig steigender Verwaltungsaufwand hält die Mitarbeiter von Jugendämtern am Schreibtisch fest, wo sie sich mit immer mehr Formularen herumschlagen müssen, schreibt der „Stern“. Und dass viele Mitarbeiter die Kinder genau deshalb gar nicht mehr persönlich sehen, weil sie sich mit immer mehr Formularen herumschlagen müssen.
Was also sollen dann bitteschön mehr Kontrollen ausrichten? Es erinnert mich an den Cartoon mit einem Ruderer, den zwei Steuermänner je mit einer großen Flüstertüte anfeuern. Wird der schneller, weil ihn zwei anfeuern ????
Ich will keineswegs Jugendämter in Schutz nehmen, die versagen. Die ernste Hinweise von Nachbarn oder Verwandten nicht ernst nehmen – und daher keine Todesfälle verhindern, sie hätten verhindern können. Nur, wo zu wenig Leute da sind, um die anfallende Arbeit so zu erledigen, dass sie unseren Qualitätsansprüchen genügt – den darf man auch nicht prügeln, wenn er genau das nicht schafft. Wer zu viele Stellen streicht oder zu viel neue Arbeit aufbürdet, ohne das Personal aufzustocken, der ist der Täter. Und der darf nicht anschließend die wenigen Verbliebenen verantwortlich machen. Wenn die mit halber Besetzung die Arbeit für doppelt so viele Leute nicht ebenso gut wegschaffen.
Und in solch einer desolaten Lage mit mehr Kontrollen oder noch besser, Qualitätsrichtlinien und irgendwelchen Zertifizierungen kommen, ist keine Lösung, sondern Vertuschen. Es ist Ablenken von den wirklichen Problemen. Haben Sie schon mal erlebt, dass ein Bier besser schmeckt, weil eine Brauerei zertifiziert wurde? Ich nicht.
Nicht dass ich etwas gegen Qualitätsansprüche – und meinetwegen auch in Richtlinien verpackt – habe. Ganz im Gegenteil. Nur, wenn die Aufgabe schon im Alltag lautet „auf der Glatze Locken drehen“, dann klappt das mit mehr Druck auch nicht besser. Immer neue Richtlinien erfinden, statt zu helfen, die Lage mit zu wenig Mitteln oder Personal in den Griff zu bekommen, das wäre etwas. Doch wenn – aus der Deckung quasi, vom grünen Tisch aus – nur Richtlinien verordnet werden, statt Lösungen zu liefern, das kann nicht hinhauen. Anstatt tatkräftig zu helfen, die Lage in den Griff zu bekommen. Oder wenigstens neue Ideen beizusteuern.

Dass zu wenig Leute für zu viele Aufgaben da sind, ist nach jahrelangen Entlassungweller überall triste Gegebenheit. Und dass den Verbliebenen die Arbeit auch noch erschwert wird mit immer neuem Formalkram mit fragwürdigem Nutzen. Auch die allermeisten Ärzte würden lieber mehr Menschen behandeln oder mit einzelnen Patienten mehr Zeit verbringen, statt die Hälfte der Arbeitszeit mit Verwaltungshausaufgaben der Krankenkassen zu vertändeln. Wenn in Notaufnahmen von Krankenhäusern schon Leute über Stunden auf einen Arzt warten müssen – der aber leider beschäftigt ist mit dem Eingeben von Daten in den PC. Und dem fehlt dann wirklich grade noch eins: Neue Qualitätsrichtlinien, die ihn noch mehr von seinen Patienten abhalten.

PS: Und kennen Sie die Stadardantwort der Chefs, wenn besorgte Mitarbeiter ihn warnen wollen und von der Überlastung und den Risiken berichten? Dass sie nicht immer nur rückwärts gucken sollen. Nach dem Motto, „Sie Spielverderber“. Mehr Personal gebe es nie wieder. Und basta.

http://www.stern.de/politik/panorama/604699.html?q=kontrollen

Ein Kommentar zu „Der Ruf nach mehr Kontrollen – statt Lösungen“

  1. Kontrollen statt Lösungen?
    Wie wäre Kontrollen und Lösungen!

    Wir müssen lernen, praktisch mit dem (Aus-)halten von Extremen oder Polaritäten umzugehen. Wie sagt F. Scott Fitzgerald so schön (Übersetzung durch den Autor): „DER Test für eine erstklassige Intelligenz ist die Fähigkeit, sich zweier gegensätzlicher Ideen gleichzeitig bewußt zu sein und trotzdem seine Funktionsfähigkeit zu behalten.“

    Es geht nicht um x statt y sondern um x und y. Ich weiß, das ist als Headline in Medien und Presse nicht erfolgswirksam, aber dafür um so mehr für die echten Lösungen.

    Ich suche mit vielen Anderen ganz aktiv im Business aber auch in anderen Bereichen nach x und y Lösungen, keine faulen Kompromisse sondern einen echten, operativen Fortschritt darstellen. Ist nicht einfach, nein, aber es gibt sie. Beispielsweise zeigt Simon in seinen Hidden Champions des 21. Jahrhunderts die Sowohl als auch Lösungen als eine der Lehren auf. Wer kennt weitere oder ist ein interessierter Mitsucher?

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