Die lustvolle Wirkung der Tanke

„Danke, danke, danke für die Blumen von der Tanke“, spottet Barbara Schöneberger auf ihrer aktuellen CD kürzlich über Männer, die zu spät nach Hause kommen, obendrein betrunken sind, die Hälfte der Einkäufe vergessen haben – und dann auch noch einen Tankstellen-Blumenstrauß mitbringen. Aral könnte da so gar nichts dabei finden. Im Gegenteil. Der Bochumer Mineralölkonzern bezeichnet die Tanke als „Erlebnisraum mit Komfort und anregender Atmosphäre mit „Kaffeekompetenz“ und als „wichtige Zapfsäule für die seelische Mobilität“. Oder als „bunte niemals stillstehende Zwischenwelt“.Und weiter: Als „Versorgungsparadies mit entlastender und lustvoller Wirkung“, wo Sie „von spontaner Lust überfallen werden und im Rausch des Unmittelbaren gierig und ungebremst zugreifen“? Und dieser Kauf sei wie ein „Quickie“ für die Seele. Da wären Sie spontan nun gar nicht drauf gekommen? Ich auch nicht. Aber weiter im Text: So liest man denn weiter in der neuen, druckfrischen Aral-Mobilitätsstudie 2007, dass die Tanke „als Versorgungspunkt eine gesellschaftlich bedeutende und konkurrenzlose Position eingenommen hat“. Wo man „schnell und unverbindlich im Vorbeigehen anschmeckt“. Und dass „die abenteuerliche, faszinierende Atmosphäre an der Tankstelle die Stimmung der Kunden zusätzlich anheizt, einen besonderen Abend verbringen zu wollen“. Wow.
Ich hatte es bislang eher so empfunden: Wenn mir an einem Sonntag plötzlich Mineralwasser fehlt, kann ich zur Tankstelle fahren und welches kaufen. Teurer zwar als im Getränkeshop, aber dafür eben am Sonntag. Oder Erdbeer-Trinkjoghurt. Jetzt haben die Läden länger abends offen und vor allem auch Samstags. Also tritt dieser Fall seltener als früher ein. Aber anscheinend nur bei mir, denn Aral versicherte heute auf Nachfrage, dass dem Shop-Geschäft der Tankstellen die verlängerten Öffnungszeiten keineswegs geschadet haben. 58 Prozent der Einnahmen der Tankstellenpächter kommen aus dem Ersatz-Supermarkt neben den Zapfsäulen. Dem, mit dem begrenzten Sortiment, das die Kunden laut Aral-Studie gerade so schätzen, weil sie eben nicht aus einem umfangreichen Sortiment auswählen müssen. Keine Qual der Wahl – stattdessen ein Aufpreis. Das stimmt natürlich irgendwie: Kein Preisvergleich nötig, ist ohnehin deutlich teurer als beim Aldi oder einem Supermarkt. So gesehen richtig – aber gerade die mangelnde Auswahl schätzen? Mich deucht eher, dass da ein Schwachpunkt zur Stärke umdefiniert wird.
Worüber sich jedenfalls Aral & Co. freuen kann, ist die immer stärkere Parkplatznot in den Städten. Und die vielen Politessen mit ihren teuren Protokollen. Die treiben die Kunden zur Tanke – auch wenn sie gar kein Benzin brauchen, sondern Sonntagsbrötchen. Wenn denn eine Tankstelle in der Nähe ist – sind es heute doch deutlich weniger als früher.
Und noch etwas Überraschendes deutet die Studie – zart – an: Dass sich die Tanke-Kunden „unbeobachtet“ fühlen, „anders als im heimischen Supermarkt oder Discounter“. „Im fremden Mikrokosmos, wo der Kauf etwas Anonymes hat und niemand mitbekommt, was man kauft“? Und damit sind weder Zeitschriften, noch Lakritze noch Vanilleeis oder Dufttannenbäume gemeint. Eher diese Situation: Erinnern Sie sich an den TV-Spot, in dem Hella von Sinnen als Supermarkt-Kassiererin quer durch den Laden brüllte „Riiiiiitaaaaa, was kosten die Kondome?“ Und das, solche Indiskretion, ja das soll’s an der Tanke nicht geben. Na denn.