PR um jeden Preis? Nur um in die Zeitung zu kommen, Hauptsache man kann sich positionieren? Wenn Anwälte – so wie Analysten oder Unternehmensberater – als kluge Dienstleister für die Industrie auftreten und irgendetwas beurteilen und einordnen helfen, schön und gut. Da haben alle etwas davon. Die Presse, weil sie ihren Leser Qualitätsinformationen und Nutzwert anbieten können – hoffentlich und im Idealfall – und auch die Anwälte, Analysten oder Berater, weil sie öffentlichkeitswirksam zu Worte kommen ohne selbst teure Anzeigen schalten zu müssen. Sprich: Kostenlos-Werbung im redaktionellen Teil.
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Doch man muss nicht alles kommentieren oder gar durch Kommentare vorantreiben. Insbesondere nicht, wenn man eigentlich mit der Sache gar nichts zu tun hat. Und man muss nicht etwas zuspitzen oder gar in eine Richtung drehen, die es vorher nicht hatte.Nehmen wir zum Beispiel die Milchbauern, die seit einer Woche boykottieren. Weil sie – ich unterstelle ihnen jetzt Ehrlichkeit – nicht überleben können, wenn der Milchpreis so niedrig bleibt.
Tausende von Litern Milch ihren Kühen täglich abzupumpen und dann wegzukippen, macht auch den Bauern keinen Spaß. Sie verlieren viel Geld dabei und zahlen aber diesen Preis, um die Öffentlichkeit auf dem Weg zu zwingen, ihre Nöte zur Kenntnis zu nehmen.
Nebenbei bemerkt: Sie sind Selbständige. Das ist etwas anderes, als wenn Angestellte streiken.
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Und: Sie kämpfen ums Überleben ihrer Betriebe und der Arbeitsplätze. Landwirt Romuald Schaber und Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM) formuliert es so: Das Geld, das der Liter Milch heute bringt, reicht nicht, um die Zukunft der Höfe zu sichern. Im Klartext: Wenn die Bauern jetzt keine Milch liefern, zeigt es schon mal, wie es in wenigen Jahren aussehen wird. Dann gibt es keine Milch mehr, weil es keine Milchbauern mehr gibt. Zumindest nicht aus deutschen Landen.
Und ausgerechnet in dieser Situation muss den Milchbauern auch noch ein Anwalt und Kartellrechtler einer der zwei deutschen Top-Kanzleien denjenigen, die ohnehin in Nöten sind, obendrein noch einheizen – mit massive Warnungen: Dass sie juristisch ein hohes Risiko eingingen. «Der Weg ist kartellrechtlich so vermint, dass sie sich nur die Finger verbrennen können», sagte Burkhard Richter von der internationalen Wirtschaftskanzlei Freshfields der Nachrichtenagentur dpa. Und weiter tadelt Richter die Ärmsten: „So wie die Landwirte kann man das nicht machen, weil es gegen das Gesetz verstößt.“ Problematisch sei schon der Boykottaufruf des BDM. Auch wenn es zu einer Einigung auf einen bestimmten Preis für Milch käme, wäre diese Absprache verboten und das Kartellamt müsse einschreiten, heißt es weiter bei dpa.
Klingt merkwürdig, nicht wahr? Jeder kann nur mit einem gewissen Minimum überleben. Auch der Staat unterstützt Bedürftige nach feststehenden Sätzen. Weil ein Pfund Mehl eben so viel kostet wie es kostet, für jeden. Dafür gibt es auch den Warenkorb. Weil es einfach ein Existenzminimum gibt – sogar für Milchbauern. Auch die haben ein Minimum an Fixkosten, das ziemlich sicher für alle ähnlich hoch. Und gar nicht verbotenerweise abgesprochen.
Vielleicht, oder besser sehr wahrscheinlich, hat der Kartellrechtler ja auch recht – in den Rechtsfragen. Jedenfalls benutzt Richter die ohnehin schon missliche Lage der boykottierenden Bauern, um sich selbst einen Namen zu machen und sich ganz unauffällig der Industrie als Rechtsratgeber zu empfehlen. Um den Bauern obendrein noch Angst zu machen mit noch mehr bösen Folgen als es die eigenen Umsatzausfälle ohnehin schon sind.
Und das, um für sich PR zu machen – auf Kosten von Menschen in einer Zwangslage. Aus der sicheren Deckung heraus.
Wie anders sollen sich die Bauern denn sonst bemerkbar machen und durchsetzen?
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Möglicherweise hätte Richter besser angestanden, denen, die ums Überleben kämpfen, positive Ratschläge zu geben – so wie auch seinen Mandanten – statt nur zu „warnen“ und Angst zu machen. Das mögen Mandanten auch nicht: Keine Lösungen zu bekommen und nur Androhungen.
Was nützt dem Anwalt und seinen Kindern – so er welche hat – sein kurzer medialer Auftritt, wenn er am Ende keine deutsche Milch mehr bekommt? Und Sahne undsoweiter. Weil die Bauern pleite sind.
Wäre es besser, wenn alle Freiberufler und Selbständigen, die zu den derzeitigen Bedingungen in ihrer Branche nicht mehr über die Runden kommen, nur stillschweigend ihre Läden schließen und sich vom Acker machen? Ins Ausland oder in andere Branchen abwandern? So wie die Ärzte? Die werden auch nicht ernst genommen mit ihren Nöten. Wie reagieren die? In etlichen Gebieten in den neuen Ländern machen sie einfach ihre Praxen eines Tages dicht, nachfolgen will auch niemand und die Gebiete bleiben unversorgt. Woanders melden sie sich ab ins Ausland – in die Nordländer, nach England oder die Schweiz zumeist, da ist jeder zehnte Arzt bereits Deutscher. Und dass es doch nicht so gut ohne Ärzte, und am besten auch deutschsprachige, geht, wird sich weisen. Wenn die Demographie zuschlägt und für immer mehr Senioren immer mehr Ärzte gebraucht werden – aber dummerweise immer weniger da sind.
Aber denen macht der Kartellrechtler keinen Vorwurf, weil die Ärzte alleine ihre Zelte hier einfach stillschweigend abbrechen. Ohne ernst zu nehmende flächendeckende Boykotte von Niedergelassenen, sämtliche Versuche sind mehr oder weniger gescheitert. Ärzte – niedergelassene, selbständige – neigen nicht zu Solidarität innerhalb ihrer Zunft und demzufolge auch nicht zu Aktivitäten, die kartellrechtliche Relevanz haben. So gesehen ein Vorteil für sie, wenn man den Juristen richtig interpretiert.
Ich frage mich, gibt es keine dringenderen Einsatzfelder fürs Kartellrecht? Die hohen Spritpreise? Gas- und Erdölpreise? Die anderen hohen Energiekosten?
http://www.donaukurier.de/nachrichten/aktuellesthema/art3112,1883209
http://de.biz.yahoo.com/03062008/3/experte-milchbauern-finger-verbrennen.html
Wenn man Richter heißt, steht einem wohl zu allem ein Urteil zu.
Aber Warum sollte der Herr auch die Energiebranche schelten. Das sind doch – Gegensatz zu den Bauern – entweder Kunden, oder schlimmer die wehren sich – gegen solch unerbetene Einrede, mit Hilfe anderer Juristen.
Zudem bleibt die Frage. Wenn da nun kartellrechtlich Gefahr im Verzuge ist, hat Herr Richter da schon mal präventiv bei Kartellamt oder so ein Verfahren angeregt.
Ich finde diese Kritik an dem Kollegen Richter unangemessen.
1. Die Kritik beruht auf einer verfälschten Darstellung der Äußerungen des Kollegen Richter.
Die fragliche dpa-Meldung wird unter anderem auf den Webseiten der Welt wiedergegeben (https://newsticker.welt.de/index.php?channel=wir&module=dpa&id=17945770). Wenn man die Meldung nachliest, bekommt man einen gänzlich anderen Eindruck von dem, was Kollege Richter gesagt hat:
Herr Kollege Richter hat sich nicht verständnislos gegenüber den Bauern gezeigt, sondern im Hinblick auf die Blockaden von Molkereien gesagt, „Da kann man den Grad der Verzweiflung ablesen.“
Auch ist es nicht richtig, dass Herr Kollege Richter keine Vorschläge gemacht habe, wie die Bauern auf legale Weise ihre Lage verbessern könnten. Vielmehr hat er ausgeführt, das die Begrenzung des Angebots eine mögliche Lösung sein könnte.
2. Aber selbst wenn sich Burkhard Richter so geäußert hätte, wie es die Autorin behauptet, bliebe die Analyse falsch.
a) Es ist schon eine beachtliche journalistische Leistung in einer Konfliktsituation einer Seite per se Absolution zu erteilen („ich unterstelle ihnen jetzt Ehrlichkeit“), ohne hierfür irgendeine Rechtfertigung zu benennen.
b) Bislang dachte ich, es sei nur dumm, dass der Bundesverband deutscher Milchviehhalter sich BDM abkürzt, nunmehr frage ich mich, ob es sein könnte, dass der Milch tatsächlich etwas Völkisches innewohnt. Die Autorin versteigt sich zu der Frage: „Was nützt dem Anwalt und seinen Kindern – so er welche hat – sein kurzer medialer Auftritt, wenn er am Ende keine deutsche Milch mehr bekommt?” Bei Verständnis für die zunehmenden Leiden xenophober Menschen in einer globalisierten Welt: Der Anwalt und seine Kinder (!) würden auch an polnischer Milch nicht zugrunde gehen.
c) Die Kritik an der and die Bauern gerichteten Warnung Herrn Richters ist absurd. Zum einen konstatiert die Autorin, dass sie inhaltlich wohl zutrifft und das (geplante) Vorgehen der Milchbauern illegal ist. Dann behauptet sie jedoch, dass diese Warnung den Milchbauern „einheize“ und „Angst … mache mit noch mehr bösen Folgen als es die eigenen Umsatzausfälle ohnehin schon sind“. Ja, was soll ein Anwalt denn tun? Soll er lügen und die Rechtslage falsch darstellen? Wäre den Bauern irgendetwas geholfen wenn man sie in dem Glauben ließe oder gar bestärkte, dass ihre Forderungen rechtlich bestand haben könnten, statt sie zu warnen, dass ihnen Schadensersatzansprüche und Bußgelder drohen? Dies scheint mir ein typischer Fall zu sein, in dem der Überbringer der schlechten Nachricht für den Inhalt der Nachricht haftbar gemacht wird.
d) Der Exkurs zu den Ärzten, die ins Ausland abwandern, ist nicht nachvollziehbar; ein Zusammenhang mit den Milchbauern und Herrn Kollegen Richter nicht erkennbar. Aber, um die implizit aufgeworfene Frage zu beantworten, ob es besser wäre, wenn Milchbauern ihre Betriebe einstellten: Ja. Die Begründung hierfür nennt man landläufig Marktwirtschaft: Wenn das Angebot die Nachfrage so weit übersteigt, dass der Marktpreis die Produktionskosten nicht mehr deckt, dann ist es Zeit für eine Marktbereinigung durch Angebotsverknappung. Das hat übrigens auch Kollege Richter vorgeschlagen.
Und somit zurück zu Eingangsfrage des Beitrages: „PR um jeden Preis?“ Die Antwort: Ein klares „Nein“. Das Interview, dass Herr Kollege Richter der dpa gegeben hat, ist ein gutes Beispiel dafür, wie Anwälte mit sachlich kompetenter und inhaltlich ausgewogener Pressearbeit nicht nur dem eigenen Ansehen, sondern auch den Lesern nützen können.
@ Jupp
Die Energiebranche hat mit der Produktion und Vermarktung von Milch nichts zu tun.
Im übrigen kann ich mich dem Kommentar vom Kollegen Carlos nur anschließen. Die Autorin kritisiert noch nicht einmal die mögliche Rechtslage, sondern denjenigen, der sie wiedergibt. Und das mit völlig absurden Untergangsszenarie (keine deutsche Milch mehr).
Im Übrigen ist Biomilch meines Wissens nach vom Streik nicht betroffen.
Es gibt wahrscheinlich eine Einigung, s. Meldung Lidl erhöht die Preise. ich hoffe damit ist dieses leidige Thema „Kartell“ vom Tisch.
Ist es nicht:
https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/Milch-Boykott;art271,2542683