Wer mehr Geld verdient als der eigene Chef

Johannes Gross, der Publizist und Ex-Herausgeber von „Capital“ und „Impulse“, erklärte mir vor etlichen Jahren, dass er eins wirklich schade findet: „Das Problem hier in Deutschland ist, dass man einem exzellenten Buchhalter oder Controller, der für seine Firma Gold wer ist, immer nur so viel Lohn bekommen kann wie eben ein gut bezahlter Buchhalter. Mehr nicht. Um ihn noch besser zu entlohnen, müssen Sie ihn befördern.“ Weg von da, wo er so gut ist.Und zwar in eine Position, womöglich seinen eigenen Chef ersetzt, in der er aber eine ganz andere Aufgabe erfüllt. Eine, in der er für seine Firma gar nicht mehr so viel wert ist. Die er weniger gut beherrscht – kurz, in seiner alten Rolle war er unverzichtbar, aber einen guten Chef gibt er nicht ab. Jedoch: Ohne Beförderung eben auch kein exzellenter Lohn. Das sei in den USA anders.
Schnitt. 16 Jahre später. Mit unbeschwerter Fröhlichkeit, erzählt mir heute ein Berliner Unternehmer, dass es in seiner Firma Mitarbeiter gebe, die mehr verdienen als ihre eigenen Vorgesetzten. Dass die Chefs das schlucken müssten – und das auch täten. Dass er in seiner Firma ein ausgeklügeltes System der Entlohnung gibt mit sieben (!) verschiedenen Prämienarten. Um jeden so individuell wie möglich zu belohnen und zu motivieren. Der Berliner berichtete weiter: Ich habe einen Mitarbeiter, der zehnmal so schnell sei wie der Kollege. Der arbeite effektiv zehnmal so viel weg wie sein Kollege in derselben Zeit bei derselben Fehlerquote. „Der spart mir also neun weitere Arbeitskräfte ein. Der muss auch viel mehr Geld verdienen.“
Nur was ihn immer frustriere, sei, dass die Leute nach der Gehaltserhöhungsrunde schlechtere Laune hätten als vorher. Wenn er als Arbeitgeber Geld drauf lege – „allein schon um die Inflationsrate auszugleichen“, seien die Leute am Ende nicht etwa überglücklich, sondern enttäuscht. Weil sie gerne mehr oben drauf bekomen würden. Und weil sie das Budget fürs ganze Team lieber anders verteilt sähen.

7 Kommentare zu „Wer mehr Geld verdient als der eigene Chef“

  1. „The Peter Principle“ lässt grüßen. Altes Wissen mit Gehaltsfragen garniert und feuilletonistisch erzählt. Aber : es wird ein reales Problem angesprochen, das die allgemein anerkannte und fordernde Formel „gleiches Geld für gleiche Arbeit“ hinterfragt mit „Was ist gleiche Arbeit ?“
    Gewerkschaftlich leider und sehr fehlleitend nur mit Arbeitszeit, Arbeitsbedingungen, Lebensalter und Sozialstand erklärt, kapitalistisch-unternehmerisch mit „Verantwortungsgewicht“ vernebelt, wird hier deutlich, dass nur eine Kombination aus Effizienz und „Wertschöpfung“ der Maßstab der Bewertung von Gleichheit einer Arbeit im Sinne einer gerechten Bezahlung sein kann.
    Wenn nun mit Wertschöpfung richtigerweise nicht nur die Kapital orientierte, sondern auch die sozial und gesellschaftlich orientierte berücksichtigt wird, dann wird klar, warum manch guter Buchhalter, manch guter Ingenieur etc. mit strategischer Wirkung viel mehr verdienen sollten als z.B. die vielzitierten Herren Esser, Frenzel und – zugegeben nur in Grenzen – Ackermann. Was diese Herren zerstörten und noch zerstören, waren/sind weit größere Werte, als die, die sie offensichtlich geschaffen hatten, und für die sie von den wenigen Nutznießern ihres Tuns im Amt gehalten, für ihr Tun gelobt und mit gar prächtigem Belohnungskapital ausgestattet wurden.
    Als Folgediskussion schlage ich vor, über die Problematik der Nachfolgeregulierung bei industriellen Amtsinhabern nachzudenken. Die gängige aber unausgespochene Frage des scheidenden Managers deutschen Prinzips ist : Wie kann ich einen Nachfolger finden, der biologisch 20 Jahre jünger ist, aber im Denken und Tun genauso „alt“ ist wie ich – und der mich möglichst solidarisch vor jeder Kritik oder gar Verfolgung schützt, die durch meine Fehler oder gar meinem Versagen aufkommen könnten.
    Filmtitel für einen Erfolgreichen dieser Gattung : Der, der sein Feld bestellt hat.

  2. Also manchmal weiß man wirklich nicht, ob man lachen oder heulen soll bei solchen Kommentaren. Mittlerweile sind bei jedem Thema der böse Kapitalismus und die bösen Konzernchefs die Schuldigen. Kann ein Thema nicht mehr ohne diesen Aspekt diskutiert? Wer will denn diese Scheiße zu jedem Thema hören?

    Wenn ein Handtaschenblog eröffnet wird, sind sie wohl auch dabei, nicht wie alle das Design zu diskutieren, sondern die WErtschöpfungskette auseinander zu nehmen.

    Mittlerweile wissen alle, dass der Kapitalismus das Böse in Person ist und alles andere besser wäre. Das muss nun nicht noch in völlig fremden Themen mitdisktutiert werden.

  3. @ gino ret.

    Ich möchte auf Folgendes hinweisen: Herr Ackermann mag ein schlechter Mensch sein – CEOs sind schließlich grundsätzlich schlechte Menschen, zumindest in Deutschland – aber man kann ihm nicht vorwerfen, Kapital vernichtet zu haben. Wenn man schon die Bankenbranche betrachtet – Stichwort Hypothekenkrise – sind andere Namen im Spiel. Die deutsche Bank geöhrte nicht zu den Banken, die sich hier spekuliert haben.

    Und Esser hat ebenfalls kein Kapital vernichtet. Die Übernahme durch Vodafone hat dagegen allen Kapitaleignern von Mannesmann unglaubliche Renditen verschafft. Das war ja überhaupt erst der Grund, warum er die in Rede stehende exterm hohe Sonderzahlung/Abfindung von (ich glaube) 30 Mio. DM erhielt.

    Wenn man also kritisiert, sollte man zunächst nachdenken, welcher Sachverhalt den Kritik verdient.

  4. Panta rhei für gerechte Lohnfindung ist eigentlich so neu nicht und Idealismus bei Berufsanfänger erwarten, auch nicht. In den 1970er Jahren noch dazu gekommen, ein gut ausgeprägtes Selbstbewußtsein: ‚Hoppla jetzt komm ich‘ mit unrealistischen Vorstellungen zum Gehalt und Aufstieg in der Firma.
    Dass Fachwissen schneller veraltet wußte an nur zu gut. Aber das Wissensvorsprung durch später abgelegte Examina

  5. Pardon)
    …wußte man nur zu gut. Aber Wissensorsprung, durch später abgelegte Examina kann man durch Weiterbildung kompensieren, das ist also auch für jung und dynamisch im Stellenangebot kein Äquivalent. Daß Berufserfahrung dem alles entgegen steht wird Änfängern erst später bewußt. Gerade angenehm ist es nicht den Jungakademiker in die Realität zurückzuholen.

    Gute Leistungen verdienen eine Erfolgsprämie, für den einzelnen Mitarbeiter sowohl auch für das ganze Team, wenn größere Aufträge zufriedenstellend ausgeführt und fristgerecht oder bereits vorzeitige Inbetriebnahme möglich war. Hier hat der Kunde gerne von seinem vorzeitigen Gewinn dem Hersteller und Lieferer gedankt. Nur einer und dann aber auch der Beste, kann ‚Chef vons Ganze‘ sein. Hierachie ist in einem Fertigungsbetrieb zum Beispiel unvermeidlich. Wie es im Verlagswesen sein sollte, dazu kann ich nichts sagen.

    [Johannes Gross war zeitweise mein Nachbar. Er ist leider viel zu früh gestorben. Seine geschliffene Sprache wurde allseits beachtet.]

  6. Kluger Mann dieser Berliner Unternehmer 😉

    Also… Bezahlung ist nicht gleich Anerkennung sondern im Prinzip das Ergebnis eines mehr oder weniger funktionierenden Marktes (des Arbeitsmarktes). Aus diesem Grund legt vor allem Angebot und Nachfrage die Wertigkeit einer Tätigkeit in einer Gesellschaft fest (das kann in jeder Gesellschaft sogar stark variieren, das sehen wir z.B. bei den Ärzten).

    Da für die Leitung der Deutschen Bank nun nicht wirklich so viele Menschen befähigt sind, gibt es für diesen Job ein sehr ansprechendes Gehalt.

    Nun zu Prämiensystemen. Auch für die Bewertung einer Tätigkeit im Unternehmen gibt es Marktmechanismen. Ein Mitarbeiter, der stark in der Akquise neuer Kunden ist, ist normalerweise seltener als einer, der Mülleimer ausleeren kann (drastisch formuliert). Deswegen kann der eine in einem gut strukturierten Unternehmen auch mehr verdienen. Neben dieser Markt bezogenen Bewertung ist die andere Ebene die Produktivität. Wenn einer am Tag 100 Mülleimer ausleeren kann (wieder als drastisches Beispiel), dann sollte er mehr verdienen als einer, der nur 10 schafft.

    Am Ende ergeben sich dadurch Gehaltsstrukturen und Prämiensysteme, die versuchen all´ dies abzubilden.

    Es wird somit die Leistungsfähigkeit und die Seltenheit einer Begabung entlohnt. Mit dem „Wert“ eines Menschen hat das Ganze nichts zu tun.

  7. an Johannes Gross habe ich mal vor ca. 20 Jahren einen Leserbrief geschrieben.
    Er hatte sich auf der ersten Seite einer Wirtschaftszeitung (evtl. Kapital) darüber muckiert, dass die Leistung des gut arbeitenden Durchschnittsbürger nicht beachtet wird, jedoch die Behindertenparkplätze gefördert sind, Geld kosten und sowieso meist leer stehen.

    Diese Aussage hat mich dazu motiviert ihm einen Brief zu schreiben.
    Es ist jetzt so lange her, natürlich habe ich den Brief damals vermutlich noch von Hand geschrieben, in etwa sinngemäß:

    Ich schrieb die Errungenschaft Behinderte offiziell anzuerkennen und als gleich zu akzeptieren ihnen Möglichkeiten zu schaffen, selbst wenn die Parkplätze leer stehen,
    diese Errungenschaft anzugreifen seie wohl nicht der richtige Weg um Kosten einzusparen und das auch noch zu publizieren.
    Kosten können woanders eingespart werden beispielsweise bei….. Militärausgaben, Kriegsführung,..etc.
    Jedoch Behinderte oder andere für diese Ausgaben verantwortlich zu machen …

    Eine Seite ging mein Brief mindestens.

    Er wurde natürlich nie beantwortet.

    Mariana Mayer

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