Tödtmanns Management Blog

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Buchauszug Renate Weisse: „#nursechsprozent: Erfinderinnen entdecken“

Buchauszug Renate Weisse*: „#nursechsprozent: Erfinderinnen entdecken“

 

Renate Weisse (Foto: Privat)

Sind die Männer schuld?

Kann man überhaupt jemandem eine Schuld geben, wenn die Erfindungen nicht erkannt und nicht gemeldet werden? Vermutlich nicht. Was aber können Unternehmen und Institutionen tun, damit Frauen sich mit dem Thema beschäftigen? Der Teufelskreis, in dem sich Forschung und Entwicklung nur um Männerthemen drehen, muss unterbrochen werden. Von den positiven Folgen profitieren am Ende alle.

 

Wir haben bereits gesehen, dass die meisten Erfindungen in Deutschland in Technologiebereichen gemacht werden, die nicht als Frauendomäne bekannt sind. Dazu gehören die Bereiche Transport, Elektrotechnik, Maschinenbau und Messtechnik. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass es sich um einen reinen Männerbereich handelt. Wer hier als Frau überhaupt tätig ist, tut gut daran, sich an das Umfeld anzupassen.

 

Mit wenigen Frauen in diesen Bereichen schrumpft auch die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen etwas erfinden. Erfindungen setzen Themen. Die geringe Erfinderinnenquote führt folglich dazu, dass vor allem „Männerthemen“ bearbeitet werden. Themen, für die Frauen sich leichter erwärmen lassen, bleiben außen vor. Ich will dies an einem zugegeben stereotypen Beispiel illustrieren: In der Automobilindustrie und allem, was mit Autos zu tun hat, arbeiten vor allem Männer. Diese interessieren sich besonders für Fragen wie Höchstgeschwindigkeit, Motorensound und technische Spielereien am Armaturenboard.

Man muss keine Vorurteile haben, um zu erkennen, dass die Autos dann in diesen Bereichen besonders gut entwickelt werden. Hier wird Geld investiert und Kund*innen werden mit Werbung scharf auf derlei Verbesserungen gemacht. Mir persönlich sind solche „Männer“-Features egal. Ich hätte lieber einen Kindersitz für meine Kinder gehabt, in den man den Nachwuchs leicht hineinverfrachten und festgurten kann. Aber das ist eben ein Frauenthema.

 

In ihrem sehr empfehlenswerten Buch „Unsichtbare Frauen“ beschreibt Caroline Criado-Perez, welche Folgen es hat, wenn Männer nur für Männer entwickeln und die Besonderheiten von Frauen etwa in der Medikamentenforschung, bei der medizinischen Forschung zur Erkennung eines Herzinfarkts oder bei der Entwicklung von Dummys für Unfalltests nicht berücksichtigen. Auch die ARD macht in der ersten Folge ihrer Serie „HERstory“ auf die Probleme aufmerksam, die sich ergeben, wenn Frauen bei Forschung und Entwicklung nicht berücksichtigt werden.

 

Renate Weise: „#nursechsprozent: Erfinderinnen entdecken“ 127 Seiten, 29 Euro

https://shop.tredition.com/booktitle/nursechsprozent/W-701-356-635

 

Der Mangel an Erfinderinnen hat also fatale Folgen: Wir leben in einer Welt, die von Männern für Männer entwickelt wurde. Die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der großen Patentanmelderinnen – fast alle sind Gesellschaften und „die“ Gesellschaft ist ein Femininum – bei Bosch, Siemens und den Automobilkonzernen sind entsprechend unattraktiv für zukünftige Bewerberinnen. Aus meiner persönlichen Erfahrung als einzige Frau in einer Entwicklungsabteilung mit 70 Männern kann ich jeder Frau nur zurufen: Lasst euch nicht auf derartige berufliche Experimente ein.

 

Besonders problematisch an diesem Effekt ist, dass es sich um einen Teufelskreis handelt. Wie sollen die Entwicklungsabteilungen weiblicher werden und mehr weibliche Themen bearbeiten, wenn sie so unattraktiv für Frauen sind? Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich nur empfehlen, die Frauen in einem Pool zu bündeln und nicht allein unter Männern arbeiten zu lassen. Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die sich mehr Frauen in ihren naturwissenschaftlichen oder technischen Teams wünschen, sollten Anstrengungen unternehmen, wenn überhaupt, dann gleich mehrere Frauen in einem Team zu beschäftigen. Natürlich ist eine Tätigkeit für Frauen attraktiver, wenn auch die Themen für sie spannender sind. Vielleicht lässt sich hier ein Freiraum schaffen, der es Frauen ermöglicht, an den Themen zu forschen und zu entwickeln, die sie selbst setzen?

 

Wenn mehr Frauen in einem Unternehmen oder in einer Forschungsabteilung an technischen und naturwissenschaftlichen Themen arbeiten und möglichst auch erfinden sollen, dann reicht die Bündelung von Frauen nicht unbedingt aus. Es ist nur ein kleiner Schritt auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft mit mehr Erfinderinnen. Ein weiterer Schritt betrifft die Ansprache der potenziellen Erfinderinnen. Dazu sind Patentanwältinnen natürlich besonders gut geeignet. Patentanwältinnen sind nicht nur selbst Frauen, sondern können auch die patentrechtliche Seite der Erfindungen kompetent beurteilen. Eine rare Spezies: Nur ca. 400 der ca. 4000 Patentanwält*innen sind weiblich.

 

Bei typischen, von Männern durchgeführten Veranstaltungen mit Titeln wie „Patent- und Erfinderberatung“, „Was Sie über Schutzrechte wissen sollten und wie wir Ihnen helfen können“ oder „Patentführerschein: Selbstlernangebot“ fühlen sich die meisten Frauen gar nicht angesprochen. Da sie sich nicht für eine Erfinderin halten, sehen sie demzufolge gar nicht die Notwendigkeit, sich über Erfindungen und das Patentrecht zu informieren. In den vielen Jahren meiner Vortragstätigkeit haben sich Frauen in größerem Umfang nur bei ausdrücklich für Frauen ausgewiesenen Veranstaltungen gefunden, etwa bei einer der ersten Physikerinnentagungen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft oder bei der Konferenz „I, Scientist“ der Lise-Meitner-Gesellschaft. Im Übrigen muss man sich fragen, ob das Patentrecht wirklich so spannend für Entwicklerinnen ist, denn ihre Aufgabe ist es, neue Dinge zu entwickeln, und nicht, wie man einen Amtsbescheid beantwortet. Dafür sind die patentanwaltlichen Vertreter*innen da.

 

Eine gezielte Ansprache von Frauen und potenziellen Erfinderinnen etwa in Vorträgen, Sprechstunden und Workshops wird also ihre Zielgruppe nur erreichen, wenn sie berücksichtigt, dass die Erfindungen noch nicht erkannt wurden. Fragestellungen wie „Woran erkenne ich eine Erfindung?“ oder besser eine Formulierung, die mit wissenschaftlichem Fortschritt, neuen Entwicklungen oder Innovationen zu tun hat – und eben nicht die Schlagworte „Erfindung“ und „Patent“ nennt –, könnte bei denen, die sich nicht für eine Erfinderin halten, zum Ziel führen. Auch eine individuelle Sprechstunde oder ein „Jour fixe“ für alle, also auch diejenigen, die glauben, nichts erfunden zu haben, kann sinnvoll sein.

 

Die vielversprechendste Ansprache von Erfinderinnen erreicht eine Patentanwältin, wenn sie gezielt durch die Labors und Entwicklungsabteilungen geht und sich von den potenziellen Erfinderinnen erläutern lässt, woran sie gerade arbeiten. Eine Patentanwältin wird nach einigen wenigen Fragen sehr schnell erkennen, ob da unerkannt eine möglicherweise schutzfähige Erfindung schlummert. Natürlich können Patentanwältinnen nicht einfach durch die Labore gehen und Aufträge akquirieren. Voraussetzung ist der explizite Wille und ein Auftrag von Patentabteilungen in Unternehmen, Patentstellen der Hochschulen und sonstigen zuständigen Stellen in Forschung und Wirtschaft. Die Erkenntnis muss vorhanden sein, dass Männer mit ihren Ideen extrovertierter als Frauen umgehen und dass zumindest die Ersterfindungen von Frauen nur dann gefunden werden, wenn man explizit auf die Ersterfinderinnen zugeht.

 

Bei der zweiten Erfindung wird das Leben deutlich leichter: Erfahrungsgemäß erkennen Erfinder*innen ihre Erfindungen schneller, wenn sie bereits eine Erfindung gemacht und als solche erkannt haben. Es gibt also eine große Anzahl an „Wiederholungstäter*innen“. Diesen Effekt kann man sich zunutze machen. Wer potenzielle Erfinderinnen anhält, regelmäßig auch in der Patentliteratur zu recherchieren, sorgt dafür, dass diese lernen, was schutzfähig sein kann. Sie gewinnen Erfahrung mit Erfindungen, ohne jemals vorher eine Erfindung gemacht oder erkannt zu haben. Dadurch wird die Hürde, eine Erfindung zu erkennen, spürbar gesenkt.

 

*Renate Weisse ist promovierte Physikerin und Patentanwältin. Sie ist Dozentin an der Berliner Hochschule für Technik. Als Expertin im Rechtsausschuss des Bundestages hat sie das Gesetzgebungsverfahren zur Modernisierung des Patentrechts begleitet.

 

 

 

 

 

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