Betriebsame Führungskräfte betreiben Eindrucksmanagement und spielen Produktivität nur vor
Die Organisation beschäftigt sich mit 1.000 Dingen – und am liebsten mit sich selbst. Dabei: Koordination ist kein Selbstzweck. Ein voller Kalender ist nämlich kein Leistungsnachweis, sondern es kommt auf die Wirkung an, sagt Frank Dopheide, Gründer von Human Unlimited, im Gastbeitrag
Alle Unternehmen, die ich kenne, sind erschöpft. Jede Führungskraft, die mir begegnet, hat zehn Prio-eins-Themen auf dem Tisch. Das ist schon mathematisch unlösbar, operativ aber normaler Alltag.
Alle stehen ständig unter Strom
Alle sind jederzeit erreichbar. Am Ende des Tages liegen hundert neue Mails im Postfach, nur leider kein Kundenauftrag. Das große Produktivitätsproblem unserer Zeit heißt nicht Digitalisierung. Es heißt Fake Work.
Tätigkeiten, die sich wie Arbeit anfühlen, Zeit und Energie fressen, aber keinen Wert erzeugen. Führungskräfte sind für dieses Virus offensichtlich besonders anfällig. Studien zeigen: Über 50 Prozent ihrer Arbeitszeit verbringt die Leitungsebene mit Meetings und Mails. Wer von morgens bis abends delegiert, koordiniert und reportet, erzeugt Betriebsamkeit, aber kaum Wirkung. Wem kommt das bekannt vor?
Das Problem ist systemisch: Beschäftigt, aber nicht produktiv
Unternehmen haben Prozess- und Steuerungslogiken gebaut, die Aktivität belohnen statt Leistung. Wer sichtbar beschäftigt ist, gilt als engagiert. Wer viele Powerpoint-Folien produziert, ist unübersehbar fleißig. Dokumentierte Aktivität wird belohnt, auch wenn sie am Ende gar nichts bewirkt. Productivity Theater nennen Forscher dieses Phänomen – Eindrucksmanagement. Es kostet Unternehmen mehr als einen Arbeitstag pro Woche – pro Mitarbeiter. Fake Work dient der Systembefriedigung, nicht der Wertschöpfung. 36 Prozent der Beschäftigten geben offen zu, Produktivität vorzuspielen. Leistung wird simuliert, nicht kapitalisiert.
Fake Work ist kein individuelles Management-Problem, sondern ein Organisationsversagen
Unternehmen verwechseln Steuerung mit Führung, Auslastung mit Ergebnis, Erschöpfung mit Erfolg. Das System beschäftigt sich zunehmend mit sich selbst. Der Kunde verschwindet aus dem Blick, der Zweck der Arbeit ebenso. Das tägliche Tun wird nicht nur ineffizient, sondern wirkungslos.
Shopify-CEO Tobias Lütke entschied sich für das Prinzip Löschtaste
Tobias Lütke, der Chef der E-Commerce-Plattform Shopify, erklärte Meetings zur teuersten Form von Arbeit und ließ sie aus den Kalendern seiner Mitarbeiter entfernen. Shopify ist mit über 160 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung eines der wertvollsten Unternehmen der Welt. 10.000 Mitarbeiter lernten: Koordination ist kein Selbstzweck. Ein voller Kalender ist kein Leistungsnachweis. Arbeit ist dort, wo Wert entsteht. Wiederkehrende Termine wurden abgeschafft, große Meetings verboten, ein ganzer Wochentag für meetingfrei erklärt.
Fake Work zerfrisst Unternehmen von innen
Zeit, Energie und Verbundenheit gehen verloren. Der Anfang vom Ende beginnt mit dem Gefühl, dass das tägliche Handeln wirkungs- und sinnlos ist. Fake Work ist der vermutlich größte unsichtbare Kostenblock jedes Unternehmens. Er taucht in keiner P&L-Kalkulation (Profit and Loss – Gewinn- und Verlustrechnung) auf, zieht die Energiebilanz der Organisation aber unweigerlich ins Negative.
Weniger Reportings, weniger Meetings, weniger Genehmigungsschleifen
Bill Anderson, CEO von Bayer, wagte das Undenkbare: Er strich die Hälfte der zwölf Managementebenen. Das Ziel: ein grundlegender Systemwechsel. 95 Prozent der Entscheidungen sollen dort getroffen werden, wo die Arbeit passiert – nicht am Schreibtisch des Vorgesetzten oder in Konferenzräumen durch Entscheidungsgremien. Die Idee dahinter ist, weniger bringt mehr: weniger Reporting, weniger Meetings, weniger Genehmigungsschleifen – mehr Verantwortung, mehr Tempo und mehr Traktion. Die Wirtschaft blickt mit großen Augen auf dieses Live Experiment. Knapp drei Jahre später gibt es Bayer und den CEO immer noch und der Aktienkurs zeigt wieder nach oben.

Bayer-CEO Bill Anderson (rechts) und Horst von Buttlar, Chefredakteur der WirtschaftsWoche (links) (Foto: C. Tödtmann)
Nichts erzeugt mehr Schubkraft als das Erlebnis, selbst etwas bewegen zu können. Hamster im Rad kennen dieses Gefühl nicht
Der Weg aus der Fake-Work-Falle ist kurz. Drei kleine Schritte. Doch er verlangt Unerschrockenheit und das Loslassen von alten Glaubensregeln. Wagt euch und messt Wirkung statt Aktivität. Entscheidend ist der Grad der Veränderung, nicht die Zahl der Arbeitsstunden. Streicht Meetings – viele Meetings. Was heute niemand vermisst, kann morgen verschwinden. Der Freiraum wirkt wie eine Sauerstoffdusche – alle atmen auf. Inklusive dir selbst. Tritt als Führungskraft einen Schritt zurück: weniger Kontrolle und mehr Klarheit. Weniger Vorgaben, mehr Verantwortlichkeit. Das hat mehr Sinn und bringt mehr Erfolg. Echt.
Machen wir uns an die Arbeit!
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