Verdichtet und überfordert? Heikel für den Chef.

Stressklagen? Haben Sie das Wort schon einmal gehört? Nein? Das könnte sich bald ändern. In England kennt man diese Prozesse bereits.Und – laut Jörg Podehl, dem Düsseldorfer Anwalt für Arbeitsrecht – wird Stress am Arbeitsplatz bald ein ähnlich populäres Thema wie Mobbing werden. Auch juristisch, nachzulesen im Fachblatt „Der Betrieb“ 2007/S.2090ff. Auf der Insel mussten manche Unternehmen ihren Arbeitnehmern schon Schadenersatz zahlen – wegen übermäßiger, krankheitsauslösender Stressbelastung am Arbeitsplatz. Im Klartext: Wer seinen Angestellten überfordert und allzu viel Arbeitsverdichtung zumutet – ohne Rücksicht auf Verluste -, riskiert als Arbeitgeber Schadenersatzzahlungen. Wegen Dauer-Überbelastung.
Mancher Vorgesetzter wird fragen: Warum das? Juristisch ist das simpel, wenngleich der Begriff relativ unbekannt und jedenfalls unmodern ist: Fürsorgepflicht des Arbeitgebers nennt sich das Konstrukt, wonach Vorgesetzte gegenüber ihren Mitarbeitern auch Schutzpflichten haben. Richtig gelesen, Schutzpflichten gegenüber erwachsenen Menschen. Weil diese wirtschaftlich abhängig sind und in stetiger Sorge um ihre Existenz, daher voll Angst – und deshalb eben doch relativ wehrlos.
Diese arbeitgeberliche Fürsorgepflicht – die früher eher Ehrensache war und dem Patriarchatsgedanken entsprang – muss jede Führungskraft auch heute erfüllen. Selbst wenn die jungen Chefs heute vielleicht erst 35 Jahre und die Mitarbeiter 53 Jahre alt sind. Wahrscheinlich müssen erst ein paar Arbeitsrichter diese Fürsorgepflicht konstatieren und das Bundesarbeitsgericht das Ganze bestätigen, damit es sich herumspricht. Schneller geht’s natürlich, wenn die Strafgerichte nachhelfen und es um mehr als Schadensersatzzahlungen und Geld des Unternehmens geht. Wenn Berufsverbote drohen oder Gefängnisstrafen – und seien es Bewährungsstrafen.
Was die Indizien sind? Wenn im Unternehmen einerseits immer mehr Mitarbeiter entlassen werden, aber andererseits die Aufgaben an sich im gleichen Umfang bestehen geblieben sind und lediglich umverteilt wurden – dann aber eben auf weniger Schultern. Wenn keiner mehr Zeit zum Nachdenken hat. Wenn keine Minute mehr übrig ist, um ein freundliches Wort zu verlieren, sei es gegenüber Kollegen oder gegenüber Kunden. Wenn immer mehr Mitarbeiter von Voll- auf Teilzeitstellen gehen und weniger Stunden arbeiten sein sollen – aber wundersamerweise nicht weniger Aufgaben bekommen. Und wenn diese Menschen – so sie sich denn trauen, dem Chef ihre Überbelastung vorzuhalten -, formelmäßig dies zu hören bekommen:
a) Vergessen Sie’s, es gibt nicht mehr Planstellen und auch nie mehr so viele wie früher. Und
b) Gucken Sie doch nicht immer rückwärts!
Und zwischen den Zeilen wird ihnen dann schnell noch die Unternehmenssicht zur Warnung mit auf den Weg gegeben:
c) Gehen Sie doch, wenn’s Ihnen nicht passt! Sprich: Für Sie
bekomme ich ohnehin sofort jüngere und billigere, neue
Mitarbeiter.
……fragt sich nur, wie lange – wenn die Demographiefalle zuschnappt und die Arbeitnehmer die Auswahl unter mehreren Arbeitgebern haben.

3 Kommentare zu „Verdichtet und überfordert? Heikel für den Chef.“

  1. Das wäre ja wirklich gut und dringend nötig, wenn das bei uns mal endlich angewendet würde. Ich kann mir denken, dass unsere augenblickliche dynamische Jungmanagerriege, die noch nie auf die Idee gekommen ist, dass ein Mitarbeiter kein Automat ist sondern ein Mensch, total erstaunt sind, dass sie so etwas wie Fürsorgepflicht haben könnten! Wäre Zeit, ihnen das mal beizubringen!

  2. Leider gibt es viele gehirngewaschene Verblödete, die sich freiwillig versklaven. Solange das noch so ist, wird sich nichts ändern.

  3. ‚Aus der Praxis für die Praxis‘ kann zu „verdichtet und überfordert“ noch gesagt werden, daß die zweite Nachkriegsgeneration bei weitem nicht mehr so belastbar war als die Kriegsgeneration. Unsre Kinder sollen es einmal besser haben als wir, war ein oft gehörter Slogan der Elterngeneration. Wurde hier wohl etwas falsch verstanden? Richtig ist: Man hat die falschen Chefs und Mitarbeiter zu oft in den „Vorruhestand“ geschickt und diese Fehler in Kauf genommen, um eine (scheinbare) Autorität zu wahren.

    Betriebsblindheit ist auch heute noch nicht ganz aus der Mode gekommen. Jüngere ‚Aufrücker‘ fürchten bereits einen qualifizierten älteren Kollegen mehr als das Geschäftsergebnis.

    Sind es doch mehrere Imponderabilien die hier – im zwischenmenschlichen Bereich – eine Rolle spielen und alle sind kostenträchtig…

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