Schon mal von Stehvermögen gehört?

Oder warum wir auch anderen Rotwein als Beaujolais zu trinken bekommen.

Da produziert ein Sender wie RTL – also keineswegs unerfahren im Geschäft – eine ganze Serie, mehrere Folgen. Zu einer Branche, die im TV durchaus populär ist, wie die der Anwälte – siehe „Ally McBeal“, „Liebling Kreuzberg“, „Boston Legal“, „Edel und Starck“ und inzwischen auch noch „Shark“. Mit anderen Worten: man investiert viel Geld, setzt auf einem namhaften Schauspieler wie Kai Wiesinger, sendet es zu einer unpopulären Sendezeit und bricht dann das ganze Vorhaben nach nur einer gesendeten Folge ab. Weil sie angeblich schon so schnell beim Fernsehzuschauer durchgefallen ist. Unvorstellbar?
Doch genauso trägt es sich soeben zu. Und um die ganze wirtschaftliche Unvernunft abzurunden, hat man es tunlichst auch noch versäumt, dem geneigten TV-Zuschauer via Plakatwerbung und dergleichen mehr überhaupt darüber zu informieren, dass es eine neue TV-Serie über Advokaten geben wird. Richtig: Das ist so, als fabriziere ein Unternehmen ein neues Produkt, bringt es in die Läden, platziert es bei der Bückware in Knöchelhöhe, bewirbt es konsequenterweise auch nicht und nimmt es einen Tag später wieder aus den Regalen, stampft es ein und meckert dann auch noch, dass die Konsumenten es nicht gewollt hätten. Logisch? Richtig, Was ich nicht kenne und auch von niemanden schmackhaft gemacht bekomme und dann auch noch schneller wieder verschwunden ist als man gucken kann – wie soll ich das mögen und dann kaufen können? Kann es sein, liebe Entscheider bei RTL, dass die Schnelligkeit der TV-Zuschauer deutlich überschätzt wird? Ich zum Beispiel hätte zu gerne eine Folge gesehen, aber habe nun nicht mal die Chance, bei Folge 2 oder 3 einzusteigen – denn dass die erste Folge lief, ist glatt an mir vorbei gegangen. Für eine Serie ein bisschen zu schnell, meine ich. Dachte ich doch, dass eine Serie aus einer Reihe von Folgen besteht, in deren Folge die Figuren erst so richtig Konturen bekommen. Sprich, die Serie braucht Zeit und ich als Zuschauer auch.
In meiner Journalisten-Ausbildung an der Henri-Nannen-Schule lehrte mich Wolf Schneider zwei Beispiele: Als Geo von Gruner + Jahr ins Rennen geschickt wurde, brauchte der Verlag einen so langen Atem, den heute wirklich keiner mehr aufbringt – und wurde dafür gut belohnt. Denn Geo schrieb erst nach sieben Jahren die erste schwarze Zahl. Gratulation fürs Durchhaltevermögen und Hut ab vor der Unerschütterlichkeit im Glauben.
Das zweite Beispiel steht für das Tempo oder besser die Langsamkeit der Konsumenten: Als ein Copy-Test – eine Marktforschung bei Lesern – über Frauenzeitschriften gemacht wurde, behaupteten etliche Leser, sie würden regelmäßig „Jasmin“ lesen – nur leider war der Titel zu dem Zeitpunkt schon zwei Jahre eingestellt.
Auch ein Freund von mir, ein Lehrer, konnte vor zwei Jahren nicht glauben, dass das „Zeit-Magazin“ seit Jahren schon nicht mehr der „Zeit“ beilag – von der er übrigens meinte, er lese sie regelmäßig. Die Konsumenten, Leser, TV-Zuschauer sind einfach nicht so schnell, wie die Produzenten und Verlage glauben. Dumm nur, dass diese sich anscheinend auch so gar nicht dafür interessieren, wie und wie schnell ihre Kunden ticken.
Und ähnliche Kurzfrist-Denke, das Nichtabwarten-Können einer Gewinnzone, erlebe ich gerade als Konsument bei Villeroy & Boch. Im vergangenen Winter registrierte ich erstmals ein Weihnachtsgeschirr namens Souvenirs in dem Laden, wo ich durchaus regelmäßig vorbeischaue und das Geschirrangebot checke. Ich kaufte einige Teile. Und als ich jetzt im vergangenen Herbst aufstocken wollte, erfuhr ich, dass es schon fraglich sei, ob ich überhaupt noch ein paar Teile bekommen könne. Es werde eingestellt, hieß es. Wohlgemerkt: Ich spreche von einem hochpreisigen Geschirr (ein Teller 26 Euro), das man nur zwei, höchstens drei Monate im Jahr aufdeckt. Nicht von einer Sonderaktion bei McDonalds und Burgern, die für einen Euro millionenfach am Tag über den Thresen gehen.
Ob Villeroy & Boch sich als Fast-Geschirrhersteller verstehen will? Dann müsste das Unternehmen zumindest das Segment wechseln und auf Billiggeschirr umschwenken. Von dem erwartet auch niemand, dass er es in zwei Monaten noch aufstocken oder Ersatz für zerbrochene Teile beschaffen kann. Bei Villeroy & Boch war es einst das Argument schlechthin, um es überhaupt zu kaufen: Die Nachkaufgarantie von 10 Jahren, die ganz viele Hochzeitspaare überzeugte.
Und weiter: Im Laden stand mein Weihnachtsgeschirr dann jeweils auch nicht länger als zwei, drei Monate im Jahr. Eher kürzer. Und das Ganze maximal zwei Jahre. Obendrein tat Villeroy & Boch wenig, um dieses Geschirr darüber hinaus populär zu machen, es den Kunden schmackhaft zu machen. Nicht mal einen Prospekt oder eine Preisliste gabs.
Ich gebe zu bedenken:
Hätten die guten Winzer nicht eine klügere, souveränere Langfrist-Denke, würden wir bis heute nur Beaujolais statt guten alten Weinen zu trinken bekommen. Wäre das nicht schade?
http://www.satundkabel.de/modules.php?op=modload&name=News&file=article&sid=31263&mode=thread&order=0&thold=0

2 Kommentare zu „Schon mal von Stehvermögen gehört?“

  1. Irgendwie leidet in letzter Zeit die Qualität dieses Blogs.. sicher das Thema kurzfristiger Entscheidungen ohne Durchhaltevermögen ist interessant. Aber beim Lesen dieses Artikels entsteht letztendlich der vorherrschende Eindruck bei mir, sie jammern rum irgendwelches Geschirr nicht mehr nachkaufen zu können…

  2. Die Porzellanmanufaktur
    Es geht doch nichts übers Zwiebelmuster. Kann man heute noch nachkaufen. Es gibt Liebhaber- und Flohmärkte etc..

    Ein Weihnachtsgeschirr ist Saisonware und limitiert umso wertvoller. Die Preisklasse (26 Euro/Teller) ist untere/mittlere Mittelklasse.
    Es ist abzusehen, dass dieses Geschirr begrenzt hergestellt wird bzw. es schwierig ist nachzukaufen.
    Es sei denn hunderte von Leuten wären so begeistert, dass …oder ein Sammlermarkt blüht auf.
    Man könnte es bei ebay probieren.
    Immer nachkaufen kann man vermutlich Kloschüsseln und Waschbecken.

    Jetzt gibt es bald wieder Osterhasen und Küken von Goebbels. Zeitlos schön.

    und überhaupt etwas besonderes ist chinesisches Porzellan hauchdünn …
    und anstatt Teesatz findet der Betrachter einen anmutigen chinesischen Mädchenkopf im Grund der Tasse, das ist echte Handwerkskunst.

    und nicht zu vergleichen mit der Tchibo Keramik.

    Die heutigen Manager dort haben nicht einmal verstanden, dass Märchenwolle aus Acryl nicht filzbar ist. Wollen einfach kopieren und geht eben nicht ohne Wissen. Insbesondere bei der Märchenwolle fällt dies ins Auge. Vielleicht ein Zeichen für den künftigen Holzweg, immer billiger und schneller geht eben nicht. Ich möchte mal wissen, wer diese Leute ausbildet. Pisa Studie bei Managern, oder wir haben das Zeitalter dieser Generation miserable ausgebildeter Manager die nur als Marionetten taugen in einem Regelwerk, welches genauso miserable Ausgebildete „Unbekannte“ entwerfen. Pisa Studie nicht bei den Kindern, sondern die Generationen höher trifft es.

    Und nicht zuletzt fällt Jack Nicholson in einem seiner Filme die Anmut und der Sinn von Hummelfiguren auf. Die Einfachheit des Dinge im Auge des Betrachters.

    Mariana Mayer

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