Wenn Verantwortliche lieber fordern, statt zu handeln

Eine Forderung. Ja, das ist es. Die Forderung nach einem runden Tisch. Großartig. Das ist genau das richtige, um rasch handfeste Problem zu lösen. Nicht handeln, sondern fordern – und zwar in lockerer Diskussionsrunde. Nichts Verpflichtendes. Nichts Dringliches. Da fordert ausgerechnet der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) Dr. Rudolf Kösters in der „Ärztezeitung“ vom 14.3.08 „einen runden Tisch“ gegen den Ärztemangel. Wundervoll. Endlich. Das musste mal gesagt werden. Dass der Bewerbermarkt für Ärzte „desaströs“ ist. Dass „selbst in Ballungsräumen die Bewerbungen inzwischen ausbleiben“. So ein runder Tisch wird Bewerber aus dem Hut zaubern.
Doch Spaß beiseite. Das war Ironie. Ehrlich gesagt, macht mich diese „Forderung“ fassungslos. Werden Sie da ganr nicht rot, Herr Dr. Kösters? In welchem Elfenbeinturm leben Sie und die anderen Verantwortlichen? Die Deutschland-Flucht der jungen Ärzte nimmt stetig zu, und zwar seit Jahren. Lange hatten die Mediziner geklagt, über die schlechte Bezahlung in den Kliniken, über die miese Behandlung durch die Hierarchie und dann die Ausbeutung durch unbezahlte Überstunden und die schlechten Arbeitsbedingungen. Schließlich macht nicht mal mehr die Arbeit mit den Menschen Spaß – weil die Hälfte der Arbeitszeit für Verwaltungsaufgaben draufgeht und in der anderen Hälfte der Job komprimiert geschafft werden muss. Dass man den Patienten nicht gerecht werden kann, auch wenn mans gerne würde. Beurteilt wird die Ärzte-Leistung freilich so, als hätten sie die ganze Arbeits-Zeit Zeit für die Patienten.
Und ihr Privatleben`? Familie neben dem Job? Haha! Schmerzensgeld, angemessene Entlohnung für so eine lange entbehrungsreiche Ausbildungszeit? Noch mal haha. Das ist die Lage, wie Ärzte sie hier zu Lande erleben. Gelebter Hohn und Spott gegenüber ihrem Einsatz rund um die Uhr.
Irgendwann ist man dann so verzweifelt, dass man über die Grenzen schaut – oder umsattelt: Die Nordländer werben seit Jahren heftig um deutsche Mediziner (und dort können Mediziner tatsächlich eine Familie haben, bei geordneten Arbeitszeiten und kompetenter Kinderversorgung), Briten fliegen sie übers Wochenende ein und in der Schweiz sind angeblich schon zehn Prozent der Ärzte Deutsche.
Bleibt also die Frage – Achtung Dr. Kösters -: Warum gehen Menschen so weit, ihr Land zu verlassen? Richtig, weil sie in ihrem Land, Deutschland, keine Zukunft mehr sehen.
Ein Mediziner-Freund von mir war vor rund acht Jahren so verzweifelt – und seine Frau fast noch mehr – dass er seinen Job an den Internisten-Front sausen ließ, sich fortbildete und umsattelte, auf Controller. Im selben Krankenhaus zu doppeltem Gehalt und halber Arbeitszeit. Im Klartext: Job-Entlohnung vervierfacht, Ehefrau ist doch nicht weggelaufen samt kleinen Kindern. Familie ist gerettet. Aber: Arztberuf ist perdu – und zwar weniger für ihn selbst, als für die deutsche Bevölkerung. Ihr ist ein hochqualifizierter Mediziner verloren gegangen.
Oder mein Freund, der nach Mosambik ging. Ebenfalls aus Verzweiflung. Weil ihm keine Bank eine Niederlassung als Gynäkologe finanziert hätte in Deutschland. Da verdiente er nicht riesig viel, aber es war o.k. und die Menschen sehr dankbar. Auch das ist anders als in Deutschland. In Deutschland lernen die Patienten in der „Brigitte“, dass ein Arzt, auf den sie mal warten müssen – seine Praxisorganisation nicht im Griff hat und also eindeutig ein mieser Arzt ist. Und dass sie ihn verlassen sollten. Bravo. Dasselbe sagt „Brigitte“ über lange Wartezeiten für ein tolles Designerprodukt vermutlich nicht. Oder für Konzertkarten. Die macht die Wartezeit nur begehrenswerter.
Und als dieser Freund für zwei Monate Deutschland wieder erlebte vor kurzem – er erlebte ein Krankenhaus als Sohn, dessen Vater schwerkrank in der Klinik war und wochenlang bei ihm dort wachte – fasste er den Entschluss: ich komme nicht zurück! Nicht in dieses System, nicht zu diesen Bedingungen – lieber fern ab der Heimat, aber ohne diese erdrückenden Verwaltungsaufgaben und zu den deutschen Arbeitsbedingungen. Jetzt ist er in Papua Neuguinea. Und immer noch glücklich, dass er nicht in Deutschland arbeiten muss.
Die dritte im Bunde, eine Freundin, die hier geblieben ist, leidet seit Jahren. Sie hat versucht, aufs Qualitätsmanagement auszuweichen. Hat nicht geklappt, nun arbeitet sie weiter mit kranken Menschen, die sie versucht zu heilen. Oder die vierte, die immer noch in der Facharztausbildung steckt mit Ende dreißig, weil sie drei Kinder bekommen hat. Beide haben mir schon verschiedenes vorgerechnet: Wer alles viel mehr verdient als sie. Grundschullehrer etwa mit nicht mal einer ganzen Stelle. Oder wer einen Schlüsseldienst betreibt, die bekommen viel viel mehr. Jedenfalls alles Leute, die nicht erst 10 bis 12 Jahre nur in ihre Ausbildung investiert und auf jedweden Loh verzichtet haben.
Doch zurück zum Ausgangspunkt: Dr. Kösters hätte auch eine runden Tisch gegen schlechtes Osterwetter fordern können. Oder einen runden Tisch gegen den die Durchstreichung der Währung in den Restaurants bei der Euro-Umstellung – unter Beibehaltung der Zahlen. Fordern ist immer gut. Nicht wahr?
Nur dass eine „Forderung für einen runden Tisch“ auch nur irgendetwas bringen soll und auch nur irgendeinen Mediziner-Job erträglicher macht oder auch nur irgendeinen Mediziner vom Auswandern abhält – das kann ich mir nicht vorstellen. Aber das können Sie ja dann den Menschen erklären, die einfach nur einen Arzt brauchen. Akut.
http://www.aerztezeitung.de/suchen/?sid=487140&query=K%c3%b6sters

Ein Kommentar zu „Wenn Verantwortliche lieber fordern, statt zu handeln“

  1. Es ist doch ganz einfach zu beantworten!
    Die Forderung nach einen „Runden Tisch“ ist an kein Ergebniss gebunden.
    Also kann der Jenige auch nicht verantwortlich gemacht werden.
    Bei einer Entscheidung schon!

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