Ernsthaft überraschen konnte diese Meldung nicht: „Krankenstand auf Rekordtief“ titelte „Spiegel online“. Und führte aus: „Arbeitnehmer in Deutschland melden sich immer seltener krank. Der Grund dafür ist nach Einschätzung von Experten die Angst vor Arbeitslosigkeit – obwohl die zuletzt gute Konjunktur den Erwerbsmarkt florieren lässt.“ Und dass die deutschen Arbeitnehmer – zumindest die gesetzlich Versicherten – von Januar bis Ende März auf jeden Arbeitnehmer nur je 1,9 Krankheitstage im Schnitt kamen laut Bundesgesundheitsministerium. Und dass diese Quote damit noch mal niedriger war als die vom Vorjahr – und die markierte schon ein Rekordtief mit seinen 3,2 Prozent an Fehltagen.
Dass diese Zahlen nicht gesunken sind, weil plötzlich alle vor Gesundheit strotzen, ist klar. Vielmehr schleppen sich auch die letzten Bazillenmutterschiffe heutzutage noch mit letzter Kraft zur Arbeit oder sie arbeiten zumindest online und von zu Hause aus. Wer früher nach einem Sportunfall zuhause erst einmal wochenlang die Beine hoch legte, hält heute vom ersten Tag an Kontakt zum Büro und seinen Geschäftspartnern. Und er erscheint – sobald es geht, und wenn´s auf Krücken ist und ohne Rücksicht auf Verluste – wieder in der Firma. Präsenz zeigen ist die Devise. Warum? Aus Angst, bei dem nächsten Sozialplan dabei zu sein. Aus Angst, bei der nächsten Kündigungswelle das Altenteil angeboten zu bekommen – selbst wenn man eigentlich noch 14 Berufsjahre vor sich hat. Oder aus der Angst, dass man seinen Posten an jüngere Kollegen verliert. Oder weil die Büro-Hyänen schon lauern und nur darauf warten, den Kranken seiner Kunden oder Aufgaben zu berauben.
Das alles, obwohl doch die Zahl der Arbeitslosen sinkt? Richtig. Weil die Bilder von den vielen Nokia-Entlassenen noch frisch im Kopf sind. Und weil seit Jahren die Ankündigungen der Massenentlassungen von Konzernen wie BenQ abends in den TV-Nachrichten samt dem anschließenden Anstieg des Aktienkurses auch gut ausgebildeten Bürgern nicht mehr aus dem Kopf gehen – seit Jahren. Zu recht. Schließlich gilt die alte Regel: Statistik hin oder her, wen´s trifft, den trifft es hundertprozentig.
Und noch etwas: In Kleinbetrieben und im Mittelstand, da ist es ohnehin seit jeher Usus, dass sich Kranke oft noch auf allen vieren in die Firma schleppen. Oder sitzen bleiben, bis der Blinddarm fast durchgebrochen ist – und das nicht aus Angst, sondern aus Pflichtgefühl. Mit Stolz sogar. Aus Verantwortung gegenüber den Kollegen und dem Chef, weil man genau weiß, dass man unentbehrlich ist. Dass ohne einen „nichts mehr läuft“. Dieses Gefühl, gebraucht zu werden, hilft über manche Krankheit hinweg. Und das ist auch der Grund, warum der Mittelstand gegenüber den seelenlosen Konzernen als Arbeitgeber immer attraktiver wird.
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,548585,00.html
Die Kranken werden sofort entlassen. Daher fehlen sie natürlich in der Statistik.
Thats all.