Ein Hamburger Agenturchef nennt Vorgehensweisen, durch die Unternehmen ihre Kunden – absichtlich oder unabsichtlich – vor den Kopf stoßen immer „praktizierte Kundenverachtung“. Und dazu zählen die neuen Werbefolien der Stadtsparkasse Düsseldorf auf den Glasscheiben der Vorräume mit den Bankautomaten. Ich meine weniger die Folien an sich, sondern die Begleitumstände. In einer Zeit, in der sich die Meldungen von Frauen häufen, die in den Vorräumen von Sparkassen am Bankautomaten vergewaltigt wurden oder zumindest jemand versucht hat, sie zu vergewaltigen. Denn diese Räume sind zwar oft großflächig verglast, aber trotzdem nicht einsehbar von außen. Mein Tipp: Geben Sie mal bei „Google“ die beiden Stichworte Sparkasse und Vergewaltigung ein, Sie werden sich wundern. Rund 15 000 Treffer. Bekommt man da doch den Eindruck, es handele sich um ein Massenphänomen. Und dass diese gut verriegelten Räume für Frauen höchst gefährliche Aufenthaltsorte sind, die man lieber meidet. Quasi wie Fallen. Zumindest abends und am Wochenende – genau dann also, wenn man den Bankautomaten braucht.
Was würde eine clevere Marketingabteilung nun also überlegen? Dass sie die hellhörig gewordenen Kundinnen am besten jetzt irgendwie beruhigt, indem sie das Thema angeht, formuliert, Maßnahmen ergreift und diesen besorgten Frauen das auch erklärt. Dass diese Räume für Frauen nun sicherer seien. Etwa indem man Notrufschalter direkt zur nächsten Polizeistation gut sichtbar und gut erreichbar anbringt, die Scheiben durchsichtig macht und laufende Videoüberwachung sicherstellt – und dies auch überall deutlich macht. Für die Kundinnen und zur Abschreckung für Triebtäter.
Doch was macht zum Beispiel die Stadtsparkasse Düsseldorf? Ja, genau die, die Franjo Poth, Verona Feldbuschs Mann, die vielen Millionen überließ. Die Stadtsparkasse kleistert diese ohnehin kaum durchsichtigen Scheiben auch noch vollständig zu mit großformatigen Folien. Mit Fotos ihrer Mitarbeiter drauf und dem vermeintlich flotten Slogan „Unsere Leistung hat viele Gesichter.“ Darauf sieht man 39 freundlich lächelnde Gesichter von denen zwei Frauen dunkler Hautfarbe sind (Die Botschaft: Man ist tolerant, Multi-Kulti, unsoweiter), 20 sind Frauen (also über die Hälfte und die Botschaft ist: Wir sind ein modernes, frauenfreundliches Unternehmen) – aber nur ein einziger Mann, der ganz klar über 50 Jahre alt ist und entsprechend Lebenserfahrung, Souveränität und Weitblick signalisiert. Ob das die richtige Marketing-und Werbe-Antwort auf die Poth-Affäre ist, mag mal dahingestellt bleiben.
Aber eins ist sicher: Es ist ein deutliches Zeichen dafür, dass der Sparkasse die Ängste ihrer Kundinnen in der Vergewaltiger-Falle komplett egal sind.
Dieses Messer ist zweischneidig. Am Geldautomaten besteht (auch und gerade für Frauen) ein weitaus höheres Risiko: Raub. Und genau aus diesem Grunde werden die Scheiben der SB-Stellen absichtlich mit Sichtschutz versehen – um es von aussen unerkennbar zu machen, wieviel Geld abgehoben wurde, wo es gelandet ist und nicht zuletzt auch, welche PIN die ec-Karte hat.
Die Idee mit dem Notrufschalter wäre mal einen Versuch wert (auch wenn ich mir fast sicher bin, dass dies schon praktiziert wird oder wurde). Das Problem bei solchen Massnahmen sind teure Fehlalarme (die Polizei lässt sich i.d.R. jeden Fehlalarm bezahlen). Da eine SB-Stelle aber grundsätzlich kameraüberwacht ist, hält sich das vielleicht in Grenzen.
15000 treffer zu googeln bedeutet in keiner Weise den Nachweis eines Massenphänomens und bringt auch nicht den Eindruck eines solchen. Ihre diesbezügliche Aussage ist schlicht und einfach unredlich, schon desshalb, weil selbst in den 15000 Nennungen doppelt, dreifach und vielfachnennungen ein und desselben Vorgangs enthalten sind, sowie Nennungen, die zu Ihrem Thema lediglich einen sprachlichen Bezug haben („in der Passage neben der sparkasse). Die über 1.8 millionen Nennungen bei dem stichwort „Vergewaltigung“ alleine könnten als ein massenphänomen bezeichnet werden. Allein die Realität ist leider so hoch. Wie war das mit der Kundenverarschung? Leser sind auch Kunden.