Wenn einem ganzen Berufsstand der Nachwuchs die rote Karte zeigt

Da geht einem Berufsstand wie den Ärzten der Nachwuchs flöten und ihnen fällt nichts besseres ein, als finanzielle Anreize für die Niederlassung von Medizinern in Gebieten, die schon heute als Notstandsgebiet anerkannt sind. Großartig. Halt, noch eine glorreiche Idee kommt immer wieder auf den Tisch, die auch noch ethisch zweifelhaft ist: Einfach dem Ausland die Ärzte wegschnappen – und da die Anreize eben hier zu Lande gering sind, die Ärzte aus Entwicklungsländern. Ausgerechnet den Ländern, die selbst zu wenig Ärzte haben.
Doch langsam: Eine so qualifizierte Ausbildung wie die von einem Mediziner dauerte eben mehr als zehn Jahre. So einen Mangel kann man also nicht mal so eben beheben. Das wirtschaftliche Überleben in unterversorgten Gebieten erst ermöglichen, kann kein ernsthafter Anreiz sein.
Gab es nicht genug Umfragen unter Ärzten, die genau zeigen, was sie stört, warum viele von ihnen lieber heute als morgen aufhören würden? Von der „Ärztezeitung“ zum Beispiel. Jedenfalls: Die jungen Leute haben eben noch die Wahl – anders als die Älteren – und wählen eben auch – und entscheiden sich gegen den Job in Deutschland als Arzt. Und so lange die heutigen Missstände nicht behoben sind, werden sie weiter ab- wählen: Wenn die Hälfte der Arbeitszeit für Verwaltungsaufgaben für die Krankenkassen draufgeht, wenn Patienten nach Pauschalen für drei Monate behandelt werden müssen. Das ist dem gemeinen Patienten nicht bekannt und ist ihm auch egal. Wenn ab einer Grenze x ein niedergelassener Arzt gezwungen wird, sagen wir mal über ein Drittel seiner Patienten zum Nulltarif zu behandeln – das nennt sich Budgetierung und ist dem gemeinen Patienten ziemlich gleichgültig. Wenn eine Kassenärztliche Vereinigung mit zehntausenden von Arbeitnehmern zwar keinen einzigen Patienten gesunder macht, aber dafür dem System allein durch ihre Existenz viel viel Geld entzieht. Ich frage mich: Was wäre, wenn es eine normale Gebührenordnung gäbe wie für andere selbständige Berufe auch? Wäre dann eine Kassenärztliche Vereinigung noch erforderlich? Wohl kaum. Doch so lange das ganze Abrechnungssystem künstlich vernebelt wird, bis niemand mehr durchblickt, lässt es sich für die Verwalter prima davon leben. Schade nur, dass dem Patienten dadurch ärztliche Betreuungszeit und Geld für – sagen wir mal – bessere Medikamente, fortschrittlichere Geräte etc. entzogen wird.
Und weiter: Es ist ja beileibe nicht so, dass das Medizinstudium nicht viele lockt. Nur wollen sie eben nicht unter diesen Arbeitsbedingungen arbeiten – sondern flüchten ins Ausland. Die Schweiz etwa, wo die Sprachprobleme nicht so groß sind. Oder in die Nordländer, wo man als Mediziner nicht nur ein gutes Auskommen hat, sondern obendrein familienfreundliche Bedingungen vorfindet. Grandios! Die Anwerbung der deutschen Ärzte läuft ja längst auf vollen Touren und höchst professionell.
Wer es sich dann so einfach macht, und nur nach Ärzten aus Entwicklungsländern ruft, will vermutlich nichts sehen. Denn eins ist klar: Auch die müssen ihr Auskommen irgendwann haben. Wenn die sich tatsächlich hier ansiedeln wollen auf Dauer, müssen auch sie deutsche Mieten und alles bezahlen – und wollen vielleicht auch eine Familie gründen. Und dann?
http://www.netzeitung.de/politik/deutschland/947717.html

Journalmed.de schreibt heute:
Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer, sagte im WDR, die Arbeitsbedingungen in Praxen und Kliniken hätten sich derart verschlechtert, dass Studenten kaum noch den Arztberuf ergreifen wollten. Ein DAK-Sprecher sagte hingegen der «Welt» (Mittwoch): «Es gibt nicht zu wenig junge Ärzte.»
http://www.journalmed.de/newsview.php?id=20762
http://www.aerztezeitung.de/suchen/?sid=473293&query=umfrage
http://www.aerztezeitung.de/suchen/?sid=471832&query=umfrage

Umfragen wie diese sind leider nicht frei zugänglich bei www.aerztezeitung.de:
Jeder zweite Klinikarzt will seinen Job an den Nagel hängen [19.09.2007]:
Jeder zweite Klinikarzt denkt angesichts überlanger Arbeitszeiten, unbezahlter Überstunden und zeitraubender Verwaltungstätigkeiten daran, seinen Klinikjob an den Nagel zu hängen. Das geht jetzt aus einer Umfrage des Marburger Bundes (MB) hervor.

Niedergelassene Ärzte weiter im Stimmungstief
[09.10.2007] Die Stimmung unter niedergelassenen Ärzten und Zahnärzten bleibt gedämpft. Der Medizinklimaindex für den Herbst 2007 liegt mit einem Wert von minus 14,8 deutlich unter den Werten anderer Branchen.

5 Kommentare zu „Wenn einem ganzen Berufsstand der Nachwuchs die rote Karte zeigt“

  1. Und dann? Dann erfinden die Politiker ein neues Gesetz, Kommission, Bürokratische Windungen, um zu überwinden, was sich längst zu Tode gewunden hat. So einfach.

    Da sind lauter Fachleute am Werk, merkt das denn keiner?

  2. zu: Das ist dem gemeinen Patienten nicht bekannt und ist ihm auch egal.
    —
    Das stimmt nicht: Ein Arzt bekommt im Quartal einmal Geld, ca zwischen 30 und 40 Euro obwohl der Patient so oft kommen kann wie er braucht/will.

    Daher vergeben die Ärtze am liebsten nur einen Termin pro Quartal, habe ich selber erfahren müssen. Gehe ich zum Arzt kalkuliert er knallhart.
    Nur in wirklichen Notfällen sind die Ärzte tolerant, noch….

    Dem Patienten kann nicht egal sein, was er überwiegend nicht weiß. Vorverurteilung Nichtwissender ist das. Die Patienten sind nicht blöd.

    Eine saubere Feststellung, wo denn das ganze Geld hingeht ist von Nöten: z.B. in Immobilien der KK damit sie gut gemanagt und liquide sind, in Fortbildungen und teuere Arbeitsplätze mit dem neuesten Word für die Verwaltungsangestellten, … ja hier werden die gesetzlichen Vorschriften peinlichtst genau eingehalten, 30 Tage Urlaub soundsoviel Weiterbildung bekommen die alles, (das zählt nicht bei der Modellierung sicherheitskritischer Software in Zeitarbeitsunternhemen, da kann man nur davon träumen, arbeitsplatz + Ausbildung, tse… )
    also die üblichem Maschen einer Versicherung im Markt, nur privatisiert eben.
    Das heißt nicht das alle Kassen gleich sind, die sollen und müssen fusionieren, ein Grund dafür:
    Es passen nur 90 Kassen auf die Gesundkeitskarte sonst funktioniert die Zertifizierung nicht. Das System kann nicht mehr Kassen verwalten.
    Das technische System beherrscht die Fusion, wer entscheidet denn so was, wer hätte das gedacht?

    Die Kassen stehen unter Druck, wer darf bleiben?

    Ulla S. wollte, laut Fernsehberichten, das die Ärzte sparen,

    wenn es denn so einfach wäre.

    Die neuesten technischen Geräte müssen finanziert werden, die teuere Forschung und und und. Die Demenzkranken können jetzt sogar per GPS geortet werden, gut die Wissenschaft braucht auch Lösungen und muss gefördert werden, unbestritten, jedoch nicht vergessen:

    Viele Patienten schwören auf die bewährte Homoöpathie in diesem Bereich, genau dort wo diese anwendbar ist.
    Viele Vorsorgeuntersuchungen bei allen Patienten und innen sind nicht nötig, wir die Frauen haben nicht alle Gebärmutterkrebs und müssen dagegen bereits mit 16 Jahren geimpft werden. Viele Frauen wollen keine Mammographie und diese kann erst krank machen und und und…..
    Der Arzt soll zusammen mit dem Patienten entscheiden und beraten können. Ärzte die vorsätzlich und mehrfach Patienten schädigen (das gibt es oft genug), weg mit den Vertreten des gebrochenen Eid des Hippokrates, natürlich in moderner überarbeiteter Fassung, das muss sein.

    Diese Ärtze müssen bestraft werden.

    Dann dieses bescheuerten Bonusprogramm mit Gewinnprämie, hätten sie gerne ein Handtuch oder
    ein Trimmfahrrad als Hauptgewinn, ?

    …Ich bin noch nicht fertig.

    Mariana Mayer

  3. Wenn bei niedergelassenen Ärzten auf der Einnahmen-Seite Planwirtschaft regiert und auf der Ausgaben-Seite freie Marktwirtschaft, so muss die Lage von Normalo-Praxen zwangsläufig immer schwieriger werden. Vor allem dann, wenn die Pflichten zur Behandlung weiter umfassend sind und die Ansprüche an die Medizin auf höchstem Niveau bleiben – so wie in der Zeit, als den Kassen die Behandlung jedes einzelnen Patienten weit mehr Geld wert war als heute. In der Zeit, als auch Banken noch Arztpraxen finanzierten. Ohnen volle Absicherung durch Immobilien.

  4. Zwei Abrechnungssysteme sollen sich angleichen die alle Beteiligte jahrelang missbraucht haben. Weil Systemfehler dies zuließ, konnten sie leicht bis zur Erschöpfung überstrapaziert werden. // Das Private-System wurde und wird leicht missbraucht, da zweifelhafte Fürsorgepflichten an den Steuerbürger weitergereicht, an Versorgungskassen übertragen, um an Beamte im Krankheitsfalle zu gelangen. Dieser unerschöpflich-unkontrollierte Geldstrom verbleibt im Dunkeln – wie etwa das Ungeheuer-Nessie – als generöse Einladung zur Selbstbedienung. Um diese „Sudokurätsel“ gegen Zweifler zu imunisieren wird die Arztrechnung über Dritte (KÄV + VK) erstellt und frühestens nach einem Jahr dem Schuldner zugestellt; brachliegende Goldene Abgründe könnten sich erhellen und erschließen, Beitragssenkungen lästig werden. // Die gesetzliche KV als Teil der Sozialversicherung, sah diese unkontrollier- und unkalkulierbaren Machenschaften, als Faß ohne Boden, auf sich zukommen und erfand für deren Abhilfe den beziehungsreichen Titel „Gesundheitsreform“, obwohl es sich überall nur um Krakheiten handelte: Systemänderungen bedeutete hier Korrekturen an den vorhandenen Systemfehler. Letztere haben sich, ohne viel mathematischen Aufwand, allein schon akustisch bei ihrer Behandlung eröffnet weil ja ohne Narkose operiert werden mußte. Warum unser Gesundheitssystem eine Systemänderung bitter notwendig hatte, darüber sollten Beteiligte nachdenken: Das Sündenregister
    war bekanntlich lang und für Egositen geradezu wie geschaffen. Wer macht die nachträgliche Inventur?

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