Der Damm ist gebrochen: Die E-Mail-Weihnachtsgruß-Flut wälzt sich durch die Leitungen in die PCs. Gnadenlos.Mal zum Aufklicken, mal wenigstens direkt in der Mail, mal mit riesigen bunten Bildchen – die bei manchem PC wieder erst mal alles lahm legen oder zumindest verlangsamen auf Zeitlupentempo, seufz – oder gar mit Musik (die man gar nicht unbedingt hören kann, da entweder kein Lautsprecher da ist oder der entsprechende Knopf ist vergessen oder: Großraumbüro – Beschallung unerwünscht). Die wenigsten Absender machen sich klar – oder ist es Ihnen egal? – welches Signal sie aussenden: Ich spar mir das Porto, ich spar mir die Karte und die Arbeit drumherum samt Aussuchen und Besorgen auch noch. Nicht mal unterschreiben braucht man noch und muss sich auch keine Gedanken über ein paar persönliche Worte machen – das fällt ja auch flach. Klick, großer Verteiler und die Hände reiben, Gewissen ist beruhigt, alle sind gegrüßt, Weihnachten kann kommen.
Aufgefallen sind mir in dieser Saison besonders drei Grüße. Der Ullstein Verlag schickt einen Mail-Weihnachtsgruß herum – und nutzt ganz frech die Gelegenheit auch gleich, um für sein Produkt zu werben: „Ein kleiner Tipp für Kurzentschlossene: Alexander Demandt „Über die Deutschen. Eine kleine Kulturgeschichte“, farbig, pointiert und mit souveränem Blick auf die tausendjährige Geschichte der Deutschen erzählt. Mit 70 Farbabbildungen. Das perfekte Last-Minute-Geschenk für Väter, Mütter, Söhne, Töchter, Nachbarn, Freunde…
Hätte mein Deutsch-Lehrer gesagt „Thema verfehlt“?
Bei ganz genauem Hinsehen erkennt man zwar, dass es eher ein normaler Newsletter ist, der da als Vehikel für den Weihnachtsgruß genutzt wird, das aber eben so prominent, dass es daherkommt wie ein Gruß.
Ein zweite Mail-Gruß – er kam immerhin von einer der großen 20 Unternehmensberatungen bekannte offen: Wir sparen uns das Porto für Weihnachtskarten und mailen stattdessen – um sich dann rein zu waschen mit dem Hinweis, dass man genau diesen Betrag spenden werde. Geht es den Unternehmensberatungen nun schon so schlecht, dass sie sich Porto plus Spende nicht leisten können, frage ich mich? Ist das ein erstes Signal, wie es um die Branche steht?
Schon etwas positiver aufgefallen ist mir dagegen – trotz Weihnachtsgruss per Mail – der eines Medien-Dienstleisters: Der Empfänger sollte an einer Stelle klicken und löste mit seinem Klick direkt eine 5-Euro-Spende des Unternehmens für einen wohltätigen Zweck aus. Nicht nur dass man als Empfänger das Gefühl bekommt, dass man irgendwie mitmachen darf beim Gutes-tun, sondern es wirkt irgendwie glaubhafter. Jedenfalls allemal glaubhafter als die ach so gerne genutzte Floskel „Wir haben uns dieses Jahr entschlossen, auf Weihnachtsgeschenke zu verzichten“ – wo doch der Empfänger der Verzichtende ist und nicht der Absender. Der entbehrt ja gar nichts, nicht er verzichtet. Er beschließt nur, dass der andere, der Gegrüßte, verzichten muss. Und veräppelt den dann noch ganz scheinheilig mit diesen salbungsvollen Worten.
PS: Von einer Informatin erhielt ich gerade eine ganz persönliche Karte, die mich besonders gefreut hat. Sie bezog sich auf meinen Blog Weihnachtskarten I. – vor einer Woche – und meinte, dass ja nunmehr eine elektronische Weihnachtskarte von ihr an mich nicht infrage käme und dass sie sich nicht sicher sei, ob es die Unicef-Karte sein dürfe… Aber dass sie Freude hatte beim Blog-lesen und sich nun trotzdem traue auf einer Unicef-Karte zu grüssen. Der Gruß war richtig persönlich und hat auch noch guter Laun verbreitet – was will man mehr?
Recht hast Du, liebe Claudia, auch wir hier in der Agentur haben diverse Weihnachtsmails erhalten, die einen mit Musik, die nur wenige hören können, die anderen, die man erst gar nicht öffnen kann, die nächsten, in denen mal gerade die Namen der Absender mit einem kleinen Gruß verzeichnet waren, alles total unpersönlich und der heutigen Zeit – leider Gottes – angepasst. Obwohl bei den Mails mit einem Spendenaufruf, sofern der Absender seine eigene Spende vorausschickt, finde ich nun auch ganz sinnvoll. Viele Menschen, die Gutes tun wollen, sind bei solch einer Aktion, vom langen Recherchieren, zur Post oder Bank laufen und anderen Mühen weitesgehend befreit. Also in diesem Sinne – und ja auch schon per Post mit persönlichem Gruß- nochmals Frohe Weihnachten.
Hallo Frau Tödtmann, ich finde Ihre Kritik an dem „Weihnachtsgrußversenden per E-Mail“ ein wenig übertrieben. Eine Frage: Versenden Sie heute noch handgeschriebene Weihnachtsgrüße an Ihre Kollegen, oder Verwandten Freunde etc. ??? Ich selbst eigentlich gar nicht mehr. Früher mehr heute gar nicht mehr. Warum? Mal ehrlich: Fehlt mir dazu das Porto? Nein! Weil sich meines Erachtens die Zeit und mit ihr die Gewohnheiten geändert haben. In der heutigen dynamischen schnelllebigen Welt in jedem Bereich, ist man jast gezwungen, schnell und zeitgemäß zu kommunizieren. Ein Lob für den Versender. Er macht sich die Mühe und schreibt eine eMail, überlegt sich einen Text und fügt noch ein paar multimediale Inhalte dazu, damit die Mail nicht alltäglich wirkt. Ich hoffe, dass Sie meine Ansicht verstehen, dass ich Ihre Kritik als zu einseitig verstanden habe. Viele Grüße S.Förster
Hand aufs Herz?
Doch, ich habe Weihnachtskarten per Post verschickt -privat ausschließlich und zur Not auch erst ganz kurz vor knapp in den Briefkasten geworfen…eben weil’s mehr Arbeit länger dauert und viel Arbeit ist.
Und am liebsten hätte ich jedem wieder ein selbstgeschossenes Foto mit Weihnachtsmotiv geschickt – das habe ich in manchen Jahren schon geschafft.
Im Job? Da habe ich Weihnachtskarten per Post verschickt – so viele möglich.
Aber – und jetzt komme ich zum „Hand aufs Herz“ – etliche E-Mail-Weihnachtsgrüße habe ich per Mail beantwortet. Jedenfalls die Individuellen. Nicht die Massenmails mit großem bunten Bild und mit den riesigen Verteilern. Aber auch bei denen ist es doch immer lustig, zu schauen, an wen der Absender noch so alles geschrieben hat. Und ob man gemeinsame Bekannte hat.
Und die Absender von Weihnachtskarten, denen ich erst jetzt antworte, bekommen auch Mails von mir. Da liegen Sie richtig!
Aber mir ist wichtig: Mit eigenem Text, kein Textblock, nix aus der Maggi-Tüte, nur Persönliches. Sonst kann ich es ja gleich lassen.
So wie die Versender von Weihnachtskarten, die eine so unlesbare Unterschrift schreiben, dass ich sie nicht entziffern kann. Und zu allem Überfluss auch auf der Karte und nicht mal auf dem Briefumschlag ein Hinweis auf das Unternehmen steht. Aber mit denjenigen scheint es die eigene Sekretärin nicht gut zu meinen – sonst hätte sie nachgeholfen und wenigstens auf den Briefumschlag den Firmenstempel angebracht.