Neun Prozent der kranken Mitarbeiter waren im vergangenen Jahr psychisch erkrankt, teilt die BKK mit – das sind so viele wie noch nie. Und weiter: Seit dem Jahr 2000 gab es eine Zunahme um 25 Prozent. Und besonders interessant: Vor 30 Jahren waren es erst zwei Prozent aller Krankheitsfälle, die psychische Gründe hatten. Das sollte zu denken geben. Doch anscheinend können sich die Unternehmen diese Ausfälle finanziell leisten. Imagemäßig allemal.Hörte ich doch noch nie einen Aufschrei seitens der Unternehmen über diese Kosten. Und die psychisch Kranken selbst? Von denen ist kein Aufschrei zu erwarten.Dazu sind sie in ihrer Position zu geschwächt, mal ganz zu schweigen von ihrer Scham. Die niedergelassenen Ärzte haben interessanterweise oft schon ein genaues Bild, wenn Arbeitnehmer mit Mobbing-Sorgen als Patienten zu ihnen kommen: „Ach bei Firma Quälgern arbeiten Sie? Ja, da passiert das häufiger. Da geht es rau zu. Das höre ich immer wieder.“ Und schreiben zum Beispiel den neuen Mitarbeiter, der unter der systematischen Ausgrenzung der Kollegen leidet, erst mal zwei Wochen krank. In der Hoffnung, dass er in dieser Aus-Zeit neue Kraft schöpft.
Ich habe den Verdacht, dass diese Zunahme jedenfalls in Zusammenhang steht mit dem gleichzeitigen Verschwinden der Kollegialität. Der Wert, der in Unternehmen heute weder propapgiert noch gelebt wird. Aus lauter Angst um den eigenen Arbeitsplatz. Management-Trainer Jürgen Goldfuss hat hierüber im Handelsblatt schon einen lesenswerten Kommentar geschrieben in diesem Jahr.
http://www.handelsblatt.com/news/Default.aspx?_p=204614&_t=ft&_b=1260957
Doch die BKK-Zahlen besagen noch etwas: All die schönen Unternehmensrichtlinien, die zwar allerorten lauthals verkündet, aber meist weder vor – noch überhaupt gelebt werden, ersetzen keine Kollegialität. Da wo sie stehen, stehen sie gut. Papier ist geduldig. Ihre Nichtbefolgung wird nie geahndet. Und das ist für Opfer ganz traurig.
Mir ist übrigens nur ein Unternehmen geläufig, dass Mobbing sowie das Vorenthalten von Informationen gegenüber Kollegen und Mitarbeitern in einer Betriebsvereinbarung ausdrücklich schon unter Strafe stellte und auch danach verfuhr: Der Wäge- und Messtechnikspezialist Sartorius in Göttingen – damals übrigens initiiert vom späteren EnBW-Chef Utz Claassen. Im Klartext: Unternehmenswerte und -Unternehmensrichtlinien müssen für alle verbindlich sein – oder man soll’s gleich bleiben lassen.
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wirtschaft/aktuell/?em_cnt=1264075
Wenn Ärzten und Krankenkassen tatsächlich ausreichend Statistiken über die Anzahl psychischer Erkrankungen in einem Unternehmen vorliegen, dann fragt man sich schon, warum hier im Rahmen von Kostensenkungen nicht konkret angesetzt wird?
Bereits in meinem Buch „Schluss mit Mobbing!“ stellte ich die Frage, warum Firmen mit offensichtlich krank machendem Betriebsklima von den Kassen nicht direkt angesprochen werden. Außer der Anzahl von seelischen Krankheitsfällen in einem Unternehmen gibt übrigens auch der Bekanntheitsgrad am Arbeitsgericht Hinweise auf die Führungsqualitäten des Managements.
Würden solche Firmen direkt mit Zahlen und Fakten öffentlich konfrontiert, dann würde man sich dort schon eher Gedanken um die Außenwirkung machen – und so mancher Firmeninhaber erführe (vielleicht zum ersten Mal) was sich „unten“ so alles abspielt.
Ist die Öffentlichkeit informiert und sensibilisiert, dann wäre die Existenzberechtigung des Unternehmens schnell hinterfragt. Dann reagieren die Kunden und der Markt. Und der richtet ein Unternehmen auf – oder hin.