Bei Robert Lembkes heiterem Berufe-Raten hätten Guido, der Ratefuchs und die schlaue Anette ganz sicher danebengelegen: Welcher Beruf ist das? 50 Prozent der Arbeitszeit verbringt der Zu-Erratende einsam am Computer und tippt und tippt und tippt. Ist er vielleicht Beamter einer Behörde? Gaaaaanz falsch. Fünf Mark ins Sparschwein. Ein Arzt ist es! Ist doch klar, ein Heilberuf, einer mit Menschen. Jemand, der als Arzt andere gesund machen, ihnen zuhören, sie aufklären und Mut zusprechen soll. Darauf wären Sie auch nicht gekommen? Sehen Sie mal, so groß sind hierzulande die irrigen Vorurteile sogar über ganz klassische Berufsbilder. Nichts Schwieriges oder Neumodisches.
Nur, dass dieser Umstand ganz plötzlich stört. Nachdem er jahrelag schon so ist wie er ist, der Missstand.Plötzlich wird bejammert – weil endlich in Zahlen und Fakten per Studie vom Deutschen Institut für Qualität im Gesundheitswesen nachgewiesen -, was mit einem Fünkchen Verstand schon längst allen klar ist: Dass deutsche Ärzte weniger Zeit für ihre Patienten haben als ihre europäischen Kollegen. Nun raten Sie mal, wem das am meisten stinkt? Richtig, den Ärzten selbst. Oder meinen Sie, dass es denen großen Spaß macht, über 40 Prozent ihrer Arbeitszeit – noch dazu unbezahlt – mit etwas zu verbringen, was eigentlich sowieso nicht zu ihrem Berufsbild gehört und definitiv auch keinen Spaß macht: Dokumentationsarbeiten für die Krankenkassen leisten. www.stern.de/wissenschaft/medizin/:Deutsches-Gesundheitssystem-Teure-Medikamente%2C-%C4rzte/646071.html?id=646071&mode=comment&rendermode
Mal kurz die Reihenfolge richtiggestellt: 1) Erst bekommen die Mediziner im freien Feld wie in den Kliniken immer mehr Verwaltungsaufgaben obendrauf gepackt. Ohne irgendwelche Pflichten dafür fallen zu lassen. 2) Dann geht ein unzufriedenes Grummeln durch die Patientenschaft, die gerne mehr Zuwendung hätte von den Ärzten. 3) Dann wird untersucht – übrigens schon seit Jahren – und herausgefunden, dass die Mediziner fast die Hälfte ihrer Zeit damit verbringen, für die Krankenkassen alles mögliche aufzuschreiben, in PC’ s einzutippen undsoweiterundsoweiter (von dem immer größer werdendem Posten IT_Ausgaben in Arztpraxen mal ganz zu schweigen). Will aber kein Patient hören oder lesen, die Krankenkassen als Verursacher stört´s ohnehin nicht. 4) Stellt man jetzt den Vergleich mit Ärzten anderer Länder an, empört man sich – und über wen? Über den Verursacher – die Krankenkassen – etwa? Iwo, nein, über die Ärzte. So, als hätten die die Wahl. So, als hätten sie eine über 10-jährige, anstrengende medizinische Ausbildung auf sich genommen, um anschließend den Rest ihres Lebens die halbe Zeit hinterm PC zu sitzen und relativ unproduktive – jedenfalls keine heilende Tätigkeit – auszuführen.
Gegenargument: Wäre dem so, würden nicht schon von den Medizinstudenten 70 Prozent lieber später im Ausland arbeiten statt in Deutschland? Das hat gerade eine andere Umfrage ergeben. www.zeit.de/campus/online/2008/47/mediziner-studieBravo. Glaubt noch irgendjemand, dass das Wertesystem hierzulande noch intakt ist?
Die „Zeit“ beschreibt, wohin die miesen Arbeitsbedingungen für Ärzte in Deutschland führen:
https://www.zeit.de/karriere/beruf/2010-05/mediziner-abwanderung