Der „Wir-verzichten-Trick“

Einmal den Spieß rumgedreht: Sie verzichten tatsächlich und wir tun so, als wären wir es, die verzichten. Clever gemacht, aber benimmtechnisch daneben.

„Das Unternehmen verzichtet auf Jubiläumsfeierlichkeiten im Hinblick auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen“, verkündet jetzt das Familienunternehmen Schweizer Elektronik http://www.schweizerelectronic.ag/.Die Schwarzwälder sind der drittgrößte europäischer Hersteller von Leiterplatten und werden in sechster Generation von Familienmitgliedern geführt. Und müssen ihre rund 750 Beschäftigte auch nicht in Kurzarbeit schicken, haben eine Eigenkapitalquote von fast 37 Prozent und scheinen insgesamt mit gefüllten Auftragsbüchern gut dazustehen http://kurse.focus.de/news/DGAP-Adhoc-Schweizer-Electronic-AG_id_news_122417595.html .

Doch statt den Mitarbeitern, Lieferanten und guten Kunden Zwiebelkuchen und Federweißen auf dem Firmenhof zu spendieren, wird ausdrücklich abgesagt. Dabei würde ein kleines Fest in solch einem Rahmen weiß Gott keine Unsummen kosten, hat aber große Wirkung. Wer kann heute schon auf so eine lange Familienunternehmens-Tradition verweisen? Man schaue sich das traurige Beispiel von Sal.Oppenheim, der ältesten deutschen Privatbank aus Köln, an. Die Banker müssen gerade in den Zeitungsüberschriften über sich lesen, dass die Deutsche Bank sie nun filetiere.

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/banken-versicherungen/deutsche-bank-filetiert-oppenheim;2474570


Stattdessen wird bei Schweizer Elektronik der klassische Fehler gemacht – gut gemeinte Sparsamkeit, Fremdschämen, merkwürdige Solidarität mit wem auch immer (Motto: die anderen haben Krise und wir feiern dann auch nicht): Man teilt lapidar mit, wir sind 160 Jahre alt geworden, wir stehen gut da, „sind gut gerüstet für die Zukunft“. Seit 160 Jahren haben Firma und Beschäftigte immer wieder Krisentauglichkeit und Anpassungsfähigkeit bewiesen – aber nun müssen sie dennoch auf ein Fest verzichten. Denn tatsächlich sind es ja die anderen, die verzichten – nicht die verkündenden Unternehmenslenker, sondern diejenigen, die eingeladen worden wären. Und da beginnt schon fast die Beleidigung, so den Spieß herumzudrehen und so zu tun, als verzichte man selbst. Im Gegenteil, man spart „sich“ etwas. Und zwar die Geldausgabe einer entsprechenden Summe.

Ich bin jetzt schon gespannt, wie viele Unternehmen auch dieses mal per Weihnachtskarte ihren Geschäftspartnern und Kunden scheinheilig mitteilt, dass sie auf Geschenke verzichten und stattdessen eine Summe x (die verraten sie dann nämlich fast nie an der Stelle und gehen vermeintlich vornehm darüber hinweg) für irgendeinen wohltätigen Zweck spenden. Denn weder verzichten die Absender auf etwas – im Gegenteil, sie erhalten eine steuerlich abziehbare Spendenquittung. Noch tun sie sich irgendetwas an mit dieser Lösung: Sie ersparen sich die Zeit und das Geld, mühsam Geschenke auszusuchen und zu verschicken. Was ja in Ordnung ist, nur muss man dann nicht so tun, als leiste man selbst Verzicht – der andere tut´s.

Dann ist es die bessere Lösung, an der Stelle einfach zu schweigen, der andere merkt´s ohnehin, wenn es nix gibt. Und spendet man tatsächlich eine nennenswerte Summe an eine Spendenorganisation oder was auch immer, gehört das auf ein anderes Blatt – und zwar mit allen Fakten, samt Summe und Empfänger.